Parkplatz als Politikum

Ein öffentlicher Parkplatz ist in Jerusalem zu einem heiß debattierten Politikum geworden. Zehntausende Israelis gehen seit Wochen für und wider die Öffnung des Parkhauses am Samstag auf die Straßen. Am Wochenende wurde bei Unruhen ein Demonstrant lebensfährlich schwer verletzt und 57 Menschen verhaftet. Doch geht es dabei nicht um Parknot. Den Ultra-Orhodoxen Juden, auf Hebräiharedimsch „Haredim“, die Gottesfürchtigen genannt, ist die Eröffnung des Parkplatzes ein undenkbares Gräuel, gilt ihnen doch der Samstag als heiliger Sabbat, an dem man unter anderem auch kein Auto fahren darf. Bisher konnten sie die Schließung öffentlicher Parkplätze erzwingen. Doch Nir Barkat, der im vergangenen November als Vertreter der säkularen Israelis in den Wahlkampf zog und zum Bürgermeister Jerusalems gewählt wurde, will dem Einfluss der Haredim in Jerusalem ein Ende bereiten. Der Kampf ums Parkhaus mutiert damit zum Machtkampf um den Charakter einer Stadt, die den drei monothesitischen Religionen heilig ist und in der jede kleine Veränderung mindestens einen Bevölkerungsteil bis aufs Blut reizt.
 
Es ist nur die neueste Runde in einem Kulturkampf, der jeden Aspekt des Alltags der Stadt berührt. Rund ein Drittel der Bewohner Jerusalems sind Haredim. Große Teile dieser Gesellschaft lehnt die „Verwestlichung“ ihrer „heiligen Stadt“ kategorisch ab. In ihren Stadtvierteln sprechen viele dabei nicht einmal Hebräisch, sondern Englisch, Jiddisch oder Deutsch. Sie wollen die Sprache der Bibel nicht für den prophanen Alltag missbrauchen.
Sie wollen ihre Weltsicht auch der weltlichen jüdischen Bevölkerung aufzwingen. Die befindet sich immer mehr im Rückzug, während die Ultra-Orthodoxen sich eines ständigen Zuwachses erfreuen. Sie haben mit durchschnittlich 7,7 Kindern pro Familie nicht nur mehr Nachwuchs (der israelische Durchschnitt liegt bei 2,4), sondern können mit einem beständigen Strom religiöser Einwanderer rechnen, die aus aller Welt nach Jerusalem ziehen. Weltliche Israelis wandern hingegen aus Jerusalem ab. Rund 300.000 Israelis verliessen Jerusalem in den vergangenen 20 Jahren Richtung Tel Aviv. Dort gibt es nicht nur bessere Aussichten auf einen gut bezahlten Job und billige Mieten. Restaurants und Supermärkte haben im Gegensatz zum nur 60 Kilometer entfernten Jerusalem auch am Sabbat geöffnet. Die Einhaltung jüdischer Speisegesetze der Kaschrut werden hier nicht erzwungen, während Etablissements, die sich in Jerusalem diesen Auflagen widersetzen, haredische Massendemos vor ihrer Ladentür drohen.
 Bisher schienen dabei die Hardeim die Oberhand zu behalten. Da viele von ihnen nicht arbeiten, sondern von staatlichen Zuwendungen unterstützt ihr Leben in Toraschulen verbringen, können sie leicht hoch motivierte Mengen für Demonstrationen rekrutieren. So gelang es ihnen in der Vergangenheit, Hauptverkehrsadern zeitweise Samstags zu schließen.
 
Doch seit der Wahl von Barkat scheint das Blatt sich zu wenden. Der hatte versprochen Jerusalem zu „retten“ und für säkulare Israelis wieder „bewohnbar“ zu machen. Als erstes Zeichen einer Niederlage mussten die Haredim vergangene Woche eine Parade von 4000 Homosexuellen in Jerusalem hinnehmen. Löste dies in der Vergangenheit Krawalle aus, gab man in diesem Jahr klein bei. Man wolle den Homosexuellen keine Aufmerksamkeit verschaffen, hieß es aus haredischen Kreisen.Buergermeister Barkat
Die neue Krise enstpringt nun einer offensichtlichen Wochenend-Parknot. Mit der Ruhe und dem verbesserten Sicherheitszustand, die inzwischen in Jerusalem eingekehrt sind, strömen Touristen und israelische Besucher Samstags in die Altstadt. Bisher konnten sie dabei nirgends ihr Auto abstellen – Barkats Vorgänger, der ultra-orthodoxe Uri Lupolianski, kümmerte dies nicht. Er ließ Parkhäuser am Wochenende dicht machen. In einem ur-israelischen Kompromis drückten deswegen die Polizei an diesem Tag beide Augen fest zu, wildes Parken verstopfte Hauptverkehrsadern rund um die Altstadt. Bis die Polizei erklärte, dass die wilde Parkerei zu einem Sicherheitsproblem geworden sei. Barkat nahmn dies zum Anlass, in Altstadtnähe ein Parkhaus für den Besucherstrom zu öffnen.
Seit Wochen ziehen jetzt ultra-orthodoxe Demonstranten immer wieder aus, um die Schliessung des Parkhauses zu erzwingen. Orthodoxe Parteien verließen Barkats Koalition, die Krise könnte sich sogar bis auf die nationale Ebene ausweiten, falls die orthodoxen Parteien die Einmischung des Premierministers verlangen sollten. Die Polizei geht Morddrohungen gegen den Bürgermeister nach.
 
Ein Kompromis zeichnet sich nicht ab. „Dies wird ein heißer Sommer“, versprach ein Demonstrant der Tageszeitung „Jerusalem Post“. Auch Barkat will nicht nachgeben. Er befasse sich bereits mit anderen Fragen, hieß es aus seinem Büro. Gewaltsame Demonstranten seien ausschließlich ein Problem der Polizei.



Noch einmal unabhängig – Jerusalem der Makkabäer

Während die Ptolemäer aus Ägypten und Seleukiden aus Syrien um die Vorherrschaft im Nahen Osten ringen, hebt Rom bereits sein Haupt. Immer mehr bedrängt es die seleukidischen Herrscher Jerusalems, die nun begierige Blicke auf den Tempelschatz werfen. Sie pressen Judäa eskalierende Tributzahlungen ab, bis die Landbevölkerung gegen die hellenisierte Priesterelite rebelliert. Anlass zum Aufstand ist das Vorhaben Antiochus IV. „Epiphanes“ („Inkarnation Gottes“), dem sein Zeitgenosse Polybios den vielleicht passenderen Spitznamen „Epimanes“ („verrückt“) verpasste, eine Statue Zeus im Tempel aufzustellen.

Unter der Führung Judas dem Makkabäer wird die Fremdherrschaft 164 v. Chr. abgeschüttelt, sein Bruder Simon weiht 142 v. Chr. den Tempel in Jerusalem wieder einzig Jahwe. Damit begründet er die hasmonäische Dynastie, die dem Königreich Judäa eine 79-jährige Periode der Unabhängigkeit beschert und Jerusalem wieder zu einer nennenswerten Hauptstadt macht. Die Hasmonäer betreiben eine Expansionspolitik, in die sie die Priesterklasse einspannen, damit sie neu-eroberte Völker, wie die Idumäer, in Massen zu Juden erklären. Doch damit wächst bei den Puristen der Unmut, zumal die Hasmonäer das Amt von Hohepriester und König in Personalunion führen, obschon sie nicht dem davidischen Königshaus entspringen. Dem gebührt gemäß der alten Triade ja bekanntlich allein der Thron.


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Will niemand nach Jerusalem?

gealt4aNur 50 Jahre, nachdem die jüdische Elite von den Babyloniern ins Exil verschleppt worden ist, scheint der ersehnte Augenblick der Rückkehr gekommen. Die Perser zerschlagen das babylonische Reich. Der Schah Kyros gestattet den Juden 538 die Heimkehr:„ (all diesen Völkern) habe ich ihre eigenen Götter zurückerstattet. […] ich habe alle ihre [zerstreuten] Völker gesammelt und ihnen ihre Wohnsitze zurückgegeben“, rühmt er sich, und stellt Gelder aus seiner Staatsschatulle bereit. Juden betrachteten ihn als Messias, Hebräisch für „Gesalbten“, einen von Gott gesandten Boten.

Doch nur wenige folgen seiner Einladung. Die erste Auswanderungswelle soll 43360 Menschen umfasst haben, die Mehrheit bleibt zurück. Man hat sich ans Exil gewöhnt, viele sind bereits hier geboren. Man zieht das fruchtbare Zweistromland dem Bergdorf Jerusalem am Rande der Wüste vor. Die inzwischen „heilige Stadt Gottes“ scheint vom 6.-3. Jahrhundert v. Chr. nur dünn besiedelt gewesen zu sein. So verzögert sich der Tempelbau um 23 Jahre und wird erst 515 v. Chr. fertig gestellt. Die Feiern werden mit der Opferung „von hundert Farren, zweihundert Widdern, vierhundert Lämmern und zwölf Ziegenböcken“, auch im Namen des persischen Herrschers, weitaus bescheidener und realistischer, beschrieben als die des ersten Tempels.Erst als Artaxerxes I. den Westen seines Reiches gegen Ägypten sichern will, schickt er seinen Vertrauensmann Esra aus, um Jerusalem zu befestigen, Indiz für den hohen Status, den die Juden der persischen Diaspora inzwischen hier errungen haben. Eine entscheidende Besonderheit unterscheidet den zweiten vom ersten Tempel: das Allerheiligste, das selbst der Hohepriester nur einmal im Jahr nach akribisch beschriebenen Reinigunsgritualen betreten durfte, ist leer. Somit hat sich der Wandel zum abstrakten Glauben an den formlosen Gott, den Josia angestrebt hatte, vollzogen. Esra setzt harte Reformen durch, um die unbefestigte Kleinstadt mit rund 1000 Einwohnern wieder zu einem politischen Zentrum zu machen. Per Dekret siedelt er 10% der Landbevölkerung und die Führungsschicht des Umlands in die Stadt um, Dank Rückendeckung von Artaxerxes kann er sich durchsetzen. Die davidischen Exilarchen bleiben, wahrscheinlich gezwungenermaßen, im Exil, so bleibt Jerusalem nur ein geistiger Mittelpunkt. Jerusalem, so der Geschichtsschreiber Polybios, sei „ein Tempel mit einer Stadt“. Nachdem Alexander der Große das Perserreich zerschlägt, liegt der Tempelstaat Judäa im Grenzgebiet der Diadochen, die um Alexanders Erbe streiten, und wechselt mehrmals die Hände.




„On the rivers of Babylon…“

babylonian-exile1 Die Jerusalemer Elite, rund 5000 Menschen, werden ins babylonische Exil verschleppt und unter der Aufsicht des Exilarchen aus dem davidischen Königshaus, der den Status eines Prinzen innehat, auf verschiedene Städte verteilt. Eine davon heißt Tell Abib, deren Namen 2500 Jahre später Nachum Sokolov bei der Namensfindung für Tel Aviv inspirieren wird.

In Babylon wird Jerusalem zum Mittelpunkt einer aufblühenden Exilliteratur. Die Stadt und die Einhaltung des Sabbats sind die wichtigsten Komponenten einer jüdischen Identität. Nach der Katastrophe wird sie eine von Reue gekennzeichnete Wurzelsuche. Jerusalem ist nicht mehr nur politisches Zentrum, sondern wird zum heiligen Ort, Sitz der Schechina, dem Geist Gottes. Rabbiner erklären, dass Frauen dort keine Fehlgeburt haben, niemand von Schlangen oder Skorpionen gebissen wird, im Tempel die Flammen nie vom Regen gelöscht und der Rauch der Opferfeuer vom Wind nie über die Menge der Betenden geweht wird. Diese Idee des himmlischen Jerusalem wird später von Christentum und Islam übernommen. In der Ruine des Tempels ist in dieser Zeit eine Kultstätte für die Bewohner der Umgebung weiter in Betrieb, das geistige Zentrum des Judentums verlagert sich jedoch ins persische Reich. Hier formuliert man die Idee der Rückkehr, die die Juden auch in spätere Exile begleiten wird. Wenn Gott wieder mit Gnade auf Israel blickt, wird der Messias, der Gesalbte, sein Volk heimführen, heißt es. Erwartungsvoll hortet man in der Stadt Nehardea die Tempelsteuer, ein halber Schekel pro Kopf, für den Wiederaufbau des Heiligtums.




Jerusalem als Spielball der Weltmächte

Immer wieder gewinnen imperiale Gelüste oder der Durst nach Unabhängigkeit in Verkennung tatsächlicher Machtverhältnisse bei den Königen Jerusalems Überhand. Sie lehnen sich gegen Fremdherrschaft oder Tribute auf, und stürzen ihre Stadt immer wieder in den Abgrund. Auf der einzigen Landverbindung zwischen Europa, Afrika und Asien gelegen, ist das kleine Judäa Spielball der Weltreiche. Die Könige Jerusalems spielen ihre Karten schlecht und ziehen den Kürzeren. Josias Rebellion gegen die Ägypter endet mit dessen Tod. Sein Nachfolger erhebt sich gegen die Babylonier, die als Warnung den König Jerusalems ins babylonische Exil verschleppen und den hörigen Zedekijah einsetzen. Im Jahr 589 schließt dieser heimlich einen Pakt mit den Ägyptern, um das babylonische Joch abzuwerfen.

Als jedoch der Bündnisfall eintritt, steht Zedekijah allein. In Ausgrabungen geben eiserne Pfeilspitzen der Verteidiger inmitten von verkohltem Holz verbrannter Belagerungsmaschinen Zeugnis von der Schlacht um Jerusalem ab. Bronzene Pfeilspitzen der babylonischen Angreifer liegen in einer verkohlten Schicht, Überreste der Feuerbrunst, mit der die Eroberer die Stadt Jerusalem und den Tempel Salomos dem Erdboden gleichmachten und die Mauern schleiften. Für Zedekijah denken sie sich ein besonders grausames Schicksal: sie töten seine Kinder vor seinen Augen und blenden ihn dann, damit der grauselige Anblick das letzte sein möge, was er sieht. Laut einer lokalen Legende weint Zedekijah darüber bis zum heutigen Tag. In der nach ihm benannten Höhle unter der Altstadt Jerusalems deuten Romantiker die Tropfen, die von der Decke fallen, als Zedekijahs Tränen. Nur unverbesserliche Realisten schreiben sie der undichten Jerusalemer Kanalisation zu.


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