
Titusbogen Rom
Die Zerstörung nimmt den Juden zwar den politischen und physischen Mittelpunkt, doch Jerusalem kann man als Idee überall mit sich tragen. Im Nachhinein wird das Areal des Allerheiligsten zum wichtigsten Ort auf Erden, an dem sich die wichtigsten biblischen Begebenheiten abgespielt haben sollen. Hier soll der erste Mensch Adam begraben sein, Abraham fast seinen Sohn Isaak geopfert und Kain Abel erschlagen haben. Der Felsen unter dem Dvir heißt nun „Schöpfungsstein“, denn hier soll die Schöpfung begonnen haben. Er wird zur Schnittstelle zwischen Himmel und Erde.
Die Rabbiner führen Traditionen ein, um die Erinnerung an Jerusalem wach zu halten. In keinem Gebet wird Jerusalem ausgelassen, keine jüdische Hochzeit gilt als vollzogen, bis nicht der Bräutigam ein Glas zertritt, um an die Zerstörung des Tempels zu erinnern. Beim Wohnungsbau lassen Juden einen Teil unvollendet, um an Jerusalem zu erinnern. Das Festmahl zum Passahfest endet mit den Worten:„Im nächsten Jahr in Jerusalem“.
Manche Autoren, die Martin Goodman, sehen im römischen Krieg gegen die erste Rebellion 66-70 n. Chr. sogar den Ursprung des Antijudaismus. Fast nirgendwo, außer vielleicht in Karthago, dem langjährigen Rivalen des Imperiums, ist die Vernichtung so vollkommen wie in Judäa. Die Römer mögen Menschen in aller Welt unterworfen haben, vor den Göttern ihrer Untertanen haben die Abergläubischen Herrscher der Welt jedoch gehörigen Respekt. Vielen Gottheiten errichten die Römer in ihrer Hauptstadt sogar eigene Heiligtümer, oder lassen sie in ihren Tempeln ehren, schließlich will man übernatürliche Gewalten nicht gegen sich aufbringen. Selbst der Gott der Juden wird geehrt, spenden doch römische Kaiser Geld an den Tempel in Jerusalem, um in ihrem Namen Opfer bringen zu lassen.
Mit dem großen Aufstand findet diese Symbiose ein Ende. Goodman schreibt diese Entwicklung auch innenpolitischen Wirren zu. Vespasian und sein Sohn Titus, die den Aufstand der Juden niederschlagen, kommen am Ende eines blutigen Bürgerkrieges an die Macht. Sie vergießen viel römisches Blut, bevor sie den Thron besteigen können. Um nun ihren eigenen Anspruch und die grausame Machtergreifung zu rechtfertigen, erheben sie ihren Sieg gegen die Juden zu einem glorreichen Existenzkampf des Reiches. Die Juden werden gezwungenermaßen zum Sinnbild des Bösen, des anti-römischen stilisiert, um die Grausamkeit der Herrschaft Vespasians und Titus zu verteidigen.
Fortan erhalten Juden eine „Sonderbehandlung“. Ihr Tempel wird nicht nur zerstört, er ist auch einer der einzigen Heiligtümer im Reich, die die Römer nicht wieder errichten lassen. Ganz im Gegenteil wird die jüdische Tempelsteuer zweckentfremdet und nun als Zeichen der Unterdrückung an einen heidnischen Tempel in Rom abgeführt. Der Titusbogen in der Hauptstadt wird so nicht nur zum Symbol des Sieges eines römischen Generals, sondern auch Sinnbild des Beginns der Unterdrückung des jüdischen Volkes in der Diaspora. Noch rund 1800 Jahre später ist Rom die letzte Stadt im Westen, in der der Papst die Mauern des Ghettos wieder errichten lässt. Napoleon hatte sie im Rahmen der Ideale der französischen Revolution niederreißen lassen. Damit schloss sich ein historischer Kreis. Die Architekten von Napoleons Triumphbogen, dem Arc de Triomphe in Paris, wollen mit ihrem Bauwerk den Titusbogen kopieren. Im Gegensatz zu seinem Vorbild symbolisiert der Bogen in Paris jedoch den Beginn der Judenemanzipation.