Exklusiv für meine Blog-Leser hier ein Artikel von mir, den die FAZ am Sonntag am 27.12.09 in voller Länge auf Seiten 2-3 veröffentlichte:
Gewöhnlich schaut der Schalk aus Abraham Fersters Augen. Doch jetzt eilt er auf einmal zu dem neuen Kunden am Tresen. „Das ist ein sehr namhafter Rabbiner“, flüstert Ferster ehrfurchtsvoll. Er wolle seinen Hut reparieren lassen, erklärt der ältere Herr. Obwohl der Rabbiner ein viel beschäftigter Mann ist, kümmert er sich lieber selbst darum. Denn was für viele Deutschen ihr Auto ist, ist den Haredim, den „Gottesfürchtigen“, wie die ultra-orthodoxen Juden sich in Israel nennen, ihre Kopfbedeckung.

Israel Ferster in seinem Geschäft in der Ben Jehuda
Selbst viele Israelis können zwischen den verschiedenen Gruppierungen der Ultra-Orthodoxen nicht unterscheiden und scheren die Gläubigen mit den schwarzen Kaftanen und langen Schläfenlocken meist über einen Kamm. Einem Kenner wie Abraham Ferster jedoch klingt diese Verallgemeinerung wie der Vergleich zwischen einer Limousine und einer Kutsche, die ja auch alle vier Räder und eine Sitzbank hätten. „Es liegen Welten zwischen verschiedenen Gruppen der Haredim, und jede hat ihren eigenen Hut“, sagt der 29 Jahre alte Hutmacher. „Niemand kann sich als Haredi verkleiden, er würde sofort auffliegen“, sagt Ferster, der die Fabrik seiner Familie im orthodoxen Stadtviertel Mea Schearim leitet. Die richtige Kombination von Hut, Strümpfen, Bartschnitt und Schläfenlocken demonstriere, zu welcher Strömung man gehört. Statussymbol und Ausdruck einer Weltanschauung zugleich, liefert eine Kopfbedeckung den Haredim mehr Information als ein biometrischer Ausweis.
Seit vier Generationen versorgen die Fersters Haredim mit Hüten. Abrahams Urgroßvater Abraham Josef Ferster begründete 1912 in Warschau die kopflastige Dynastie. Nach dem Ersten Weltkrieg musste er fliehen. Die polnischen Behörden waren auf ihrer Jagd nach einem deutschen Spion ähnlichen Namens auf den Hutmacher gestoßen und verdächtigten ihn, der gesuchte Agent zu sein. Seine Flucht führte ihn nach Wiesbaden, wo Ferster seine ersten geschäftlichen Erfolge verbuchte. Schon 1932 erkannte der junge Mann die Gefahr, die von den Nazis ausging, und flüchtete mit Frau und sechs Kindern nach Jerusalem. Hier eröffnete er auf der Ben-Jehuda Straße sein erstes Geschäft.
Bevor moderne Shoppingzentren das Einkaufsverhalten der Israelis von Grund auf änderten, galt die Ben-Jehuda Straße als schickste Geschäftsmeile im jüdischen Westjerusalem. Doch die jahrelange Terrorkampagne der zweiten Intifada, nicht enden wollende Straßenarbeiten für die Straßenbahn und die Konkurrenz vollklimatisierter Konsumtempel versetzten der edlen Fußgängerzone einen schweren Schlag, von dem sie sich heute nur langsam erholt. Zwischen einem Souvenirladen und einem Taschenverkäufer hält Israel Ferster in der ersten Filiale des Familienunternehmens seit Jahrzehnten die Stellung.

Alter Hutkarton aus den Zeiten in Wiesbaden
Die Schirmmützen und farbigen Hüte in den überfüllten Regalen verbreiten eine bittersüße Nostalgie. Einst, als Hüte noch zur Grundausstattung modischer Männer gehörten, kauften hier die wichtigsten Politiker Israels ihre Kopfbedeckung. Der erste Premier David Ben Gurion war ebenso Kunde wie Menachem Begin. Jetzt schaut nur noch gelegentlich Kundschaft vorbei, meist ältere Herren, die einen Sonnenschutz für ihre inzwischen haarlose Kopfhaut suchen. Sie probieren erst fünf verschiedene Schirmmützen aus und schachern dann mit dem langsam dahin schlurfenden und stets freundlich lächelnden Israel um die zehn Euro teuren Hüte.
Lesen Sie im nächsten Posting über das Hauptquartier der Fersters und darüber, wie man Hüte macht!











