Wo man feudal schlecht essen kann

jrs_amer-exter-1

Eine kurze Pause für alle geschichtsinteressierten…

Ich war diese Woche mal wieder im American Colony Hotel, wohl eine der berühmtesten Herbergen Jerusalems, und muss einfach davon erzählen.

Das Gebäude stammt noch aus dem Jahr 1840. Der steinreiche Dawud Amin al Husseini hatte weit es außerhalb der Stadtmauern inmitten von Wiesen errichten lassen, um seine vier Frauen nicht fremden Blicken auszusetzen. Doch die Polygamie bescherte Husseini keinen männlichen Erben, und somit aus arabischer Sicht auch kein Glück. Nachdem er verstorben war, kaufte der amerikanische Prediger Horatio Spafford das feudale Anwesen. Spafford wusste, was Trauer war. Er hatte seine vier Töchter auf hoher See verloren und suchte im Heiligen Land einen neuen Lebenssinn. Im Jahr 1881 kam er ins Land und errichtete in der „American Colony“ eine Mission, in der Kranke gepflegt und Landwirtschaft betrieben wurden.

Im Jahr 1902 stellte er Besuchern vier Gästezimmer bereit, doch spätestens, nachdem die Briten Jerusalem 1917 eroberten, wurde den Pächtern klar, dass die Stadt dringend eine Nobeladresse für betuchte Pilger benötigte. So wurde aus der Mission ein Hotel, das heute 71 Zimmer und 13 Suiten hat.

Das American Colony ist eins der beiden einzigen Hotels im Land, die im prestigeträchtigen „Relais et Chateaux“ aufgeführt werden. Es gilt noch heute als eine der besten Herbergen Israels. Wer will, kann hier im renovierten Garten einen Kaffee schlürfen oder im berühmten Innenhof Topjournalisten bei Gesprächen mit ihren hochrangigen palästinensischen Quellen oder ausländischen Diplomaten belauschen.

Im Gegensatz zu all dieser Nostalgie will ich aber die Begeisterung über das Hotel dämpfen. Es gehört schon eine gehörige Portion Geschichtsfanatismus oder Nahostromantik dazu, um sich darüber begeistern zu können, dass einen der Muezzin fünfmal am Tag aus dem Bett holt. Ein Minarett befindet sich unmittelbar neben einem der vier Trakte, der Gebetsruf ist im Sommer auch um 4:30h auch für Menschen mit ausgeprägtem Tiefschlaf zu gut hörbar.

Auch das Essen hält leider nicht, was das Etikett „Relais et Chateaux“ verspricht. Zwar ist das Ambiente hier fast unübertroffen, aber die Kochkunst und das Menü erinnern an das gute alte Israel, das sich in den achtziger Jahren noch immer nicht vom Sozialismus getrennt hatte.

Ich aß beispielsweise ein Filetsteak. Über die Kuh, aus deren Lende das Fleisch geschnitten worden war, muss niemand trauern – sie wird dem Geschmack nach zu urteilen an Alterschwäche gestorben und nicht geschlachtet worden sein. Selbst für Humus würde ich Euch andere Adressen empfehlen.

Man sollte bei einem Jerusalembesuch auf keinen Fall einen Bogen um das Haus machen, es ist sehenswert, und den „ich war auch da“ Erzähleffekt kann man sich eigentlich nicht entgehen lassen. Schlafen kann man besser anderswo, und für den Gaumen reicht auch ein Kaffee (am besten Espresso), für Mahlzeiten bekommt ihr noch Empfehlungen.