Das Christentum entsteht

Die Kreuzigung Jesu war für seine kleine Anhängerschar ein schwerer Schlag. Es war aber noch ein wieter Weg, bis aus den überwiegend jüdischen Anhängern Christen wurden. Die erste Phase des Christentums wird heute von manchen Forschern als jüdische Trauergemeinde interpretiert. Nach Jesus Tod zerstreuten sich seine Anhänger nicht. Im Gegenteil, die Gemeinde, in der man sich gegenseitig Trost spendete, begann nach Jesus Tode sogar noch zu wachsen. Dabei blieb ihr Zentrum vorerst in Jerusalem, wie die ersten zwei Apostelkonzile zeigen, das höchste Gremium der damaligen Anhänger Christi. Sie fanden hier zwischen 40 und 50 n. Chr. statt.

Diese Konzile legten fest, dass Christ ist, wer «Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht» meide. Damit begann schon früh der Bruch mit dem Judentum, auch wenn die ersten Anhänger Christi sich noch selbst als Juden empfanden.

Rabbiner legen Proselyten bis heute schwere Pflichten auf, darunter die Beschneidung. Die frühen Kirchenführer hingegen, wie vor allem Paulus, wollten den Heiden erleichtern, Teil der neuen Religionsgemeinschaft zu werden. So erklärte Paulus in seinem Brief an die Galater (2, 15-16), einem der ältesten christlichen Texte:»Wir sind von Natur Juden und nicht [...] Heiden; da wir aber erkannt haben, dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, so sind auch wir an Christus Jesus gläubig geworden.» An anderer Stelle sagte Paulus (Römer 7, 6):»Nun aber sind wir vom Gesetz los und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, also dass wir dienen sollen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.» Klar ist hier der Anfang der Auseinandersetzung mit den Pharisäern, den «Vorfahren» des rabbinischen Judentums, erkennbar, die sich in den kommenden Jahrhundert hauptsächlich mit dem Gesetzestext auseinandersetzen sollten, auch wenn Paulus Zeit seines Lebens sich selber als Jude betrachtete.

Ganz so eindeutig wie sich die Trennlinie zwischen Juden und Christen heute präsentiert, darf man sie sich in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus natürlich nicht vorstellen. Übergänge, in der Diaspora selbst zu heidnischen Nachbarn und ihren Göttern, waren fließend. Bis zum 3. Jahrhundert ist es fast unmöglich, zwischen jüdischen und christlichen Gräbern zu unterscheiden. Sie nutzten dieselbe Symbolik. Das Wasser der Taufe als Symbol der Neugeburt faszinierte die frühen Christen mehr als das Kreuz des Todes, das erst sehr viel später zum Sinnbild der Christen werden sollte. In den Katakomben Roms vor dem 4. Jahrhundert findet man deswegen Palmzweige, Tauben, Pfaue, Paradiesvögel oder das Monogramm Jesu. Eine Sonderrolle spielte der Fisch als Symbol, weil «ICHTHYS» ein Akrostichon für Jesus, Gottes Sohn, Heiland (auf Griechisch: Iesous KHristos, THeou Uios, Soter) ist. Die Initialen heißen, zusammengenommen, Ikhthys, Fisch.

Wann sich der endgültige, unumkehrbare Bruch zwischen Juden und Christen ereignete, bespreche ich beim nächsten Mal.




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