Wieder da - Besuch im Krisenherd

So, endlich ist meine Vortragsreise vorbei, und ich kann mich wieder ins Krisengebiet Nahost stürzen. Als erstes fuhr ich natürlich nach Ramat Schlomo, dem Zankapfel in der neuen Krise zwischen Israel und den USA. Hier das Ergebnis:

park-in-ramat-shlomoEinen internationalen Krisenherd stellt man sich anders vor. Für den Zankapfel, der in den vergangenen Wochen die „schwerste Krise in den Beziehungen zwischen Israel und den USA seit Jahrzehnten“ heraufbeschwört hat, ist Ramat Schlomo erstaunlich langweilig. Ramat Schlomo ist ein typischer Vorort, wie man ihn an den Rändern israelischer Großstädte findet: terrassierte Mehrfamilienhäuser, die in der grellen Mittagssonne weiß glänzen, ziehen sich entlang breiter Straßen, die die Namen berühmter Rabbiner tragen. Im grünen Park am Rand der Siedlung genießen die fröhlich kreischenden Kinder der rund 20.000 orthodoxen jüdischen Einwohner ihre Osterferien. Ramat Schlomo mag in Osten und Norden direkt an palästinensische Stadtteile Jerusalems stoßen, trotzdem fühlt man sich hier sicher.

Der 17 Jahre alte Hinon Debuton wartet am Parkplatz am Nordrand von Ramat Schlomo auf Kundschaft. Für 10 Euro wäscht er Autos. Er trägt das schwarze Käppchen und das weiße Hemd der Ultra-Orthodoxen, aber die englische Musik, die aus seinem i-Phone plärrt, und die Zigarette in seiner Hand zeigen an, dass er es mit der Religion nicht so ernst nimmt. Die anderen Kinder nennen Jugendliche wie ihn „Schababniks“. Das Wort ist eine Mischung des arabischen Wortes „Schabab“ für die Jugendliche, die sich Straßengefechte mit Soldaten liefern, mit einer Jiddischen Endung. In Ramat Schlomo sind Schababniks Jugendliche, die lieber in den Straßen herumlungern als heilige Texte zu studieren. Debuton spricht von Rangeleien mit den arabischen Nachbarn. Samstags suchen die Schababniks am Olivenhain neben dem Parkplatz ein wenig Abwechslung: „Wir treffen uns hier gegen halb zwei“, sagt Hinon. Auf der anderen Seite des Hains warten schon arabische Kinder aus Schoafat, das rund 150 Meter weiter nördlich, jenseits des Hains liegt. „Wir werfen aufeinander Steine, bis die Polizei kommt.“

Hinon Debuton (Mitte) mit seinen Freunden. Jeden Samstag Steine werfen.

Hinon Debuton (Mitte) mit seinen Freunden. Jeden Samstag Steine werfen.

Von brutaler Gewalt soll keine Rede sein. „Kinderspiele“, sagt Ilan Levy, der anlässlich des nahenden Passahfestes in der Toraschule „Mischkan Zion“ direkt neben dem Parkplatz ein besonderes Hilfswerk leitet. „Noch nie wurde bei uns eine Fensterscheibe eingeworfen, obwohl wir direkt an Schuafat grenzen. Den Jugendlichen ist einfach langweilig.“ Statt Schülern stehen im Hof der Toraschule halbgeöffnete Kartons mit Getränken und Lebensmitteln herum, es ist eine Mischung von Aldi und Heilsarmee. Die Rabbiner von Ramat Schlomo haben Coupons an die Bewohner ihres Stadtteils verteilt. Die kinderreichen, sozial schwachen Familien bekommen hier für das Fest einen Warenkorb im Wert von 300 € geschenkt, Besserverdienende erhalten Rabatt. Solidarität wird in Ramat Schlomo groß geschrieben.

Palästinenser, die USA, und der Rest der Welt betrachten Ramat Schlomo als Siedlung, schließlich wurde der Hügel von den Israelis 1967 im Sechs-Tage Krieg von den Jordaniern erobert und in Jerusalem eingemeindet. Die Annektierung von Gebieten, die sich jenseits der grünen Linie, der Waffenstillstandslinie vor dem Krieg, befinden, wurde niemals anerkannt. Das kümmert in Ramat Schlomo keinen: „Jeder, der die Bibel gelesen hat, weiß, dass Jerusalem uns gehört“, sagt der Gemüsehändler Ilan Baruch. Die meisten Israelis sind Baruchs Meinung. Für sie ist Ramat Schlomo nur ein Stadtteil Jerusalems, der „ewigen, unteilbaren Hauptstadt“, so Premier Benjamin Netanjahu. Kaum ein Israeli bezeichnet Ramat Schlomo als Siedlung. Niemand würde dieses jüdische Stadtviertel, das sich etwa 10 Autominuten vom Stadtzentrum Jerusalems befindet, im Rahmen eines Friedensvertrags mit den Palästinensern räumen. Wohnraum ist hier inzwischen knapp geworden: Orthodoxe haben im Durchschnitt 7,7 Kinder pro Haushalt, längst reichen die Wohnung nicht mehr aus. Alle sind sich sicher, dass schon bald neue Häuser hier errichtet werden müssen. Die Bauarbeiten am Abhang scheinen ihnen Recht zu geben.

Strategisch Wohnen: Ausblick auf Ramallah von Ramat Schlomo

Strategisch Wohnen: Ausblick auf Ramallah von Ramat Schlomo

Nicht nur das rechte Spektrum bezeichnet die Idee einer Teilung Jerusalems entlang der grünen Linie wie der Parlamentssprecher Reuben Rivling, der Netanjahus Likud Partei angehört, als „rote Linie, die nicht überschritten werden darf“. Selbst Netanjahus wichtigste Rivalin, die Oppositionsführerin Tzippi Livni, würde Orte wie Ramat Schlomo nicht aufgeben. Als Außenministerin verhandelte sie mehr als ein Jahr mit den Palästinensern, die Teilung Jerusalems blieb Tabu. Das Programm ihrer Kadima Partei spricht von territorialen Zugeständnissen an die Palästinenser. Orte, die „die Sicherheit Israels garantieren, oder die einen Bedeutung für die jüdische Religion oder Nation haben“, will Kadima aber behalten – allen voran „das vereinte Jerusalem, die Hauptstadt Israels“.

Der Widerstand gegen eine Teilung Jerusalems nimmt mit der Entfernung von der Klagemauer in der Altstadt Jerusalems ab. Die mehr als 2000 Jahre alte Klagemauer gilt Juden nicht nur als der heiligste Ort auf Erden, für jüdische Israelis ist sie zum Nationalsymbol geworden. Sie versinnbildlicht die Heimkehr ihres Volkes nach 2000 Jahren Exil. Mehr als 90% der Israelis wollen im Rahmen eines Friedensvertrags nicht auf die Klagemauer verzichten, obschon sie sich jenseits der grünen Linie und damit im arabischen Ostjerusalem befindet. Netanjahu bezeichnet die Klagemauer als „den Grundstein unserer Existenz“. Doch je weiter man sich von der Altstadt Jerusalems und ihrer religiösen Bedeutung entfernt, desto kompromissbereiter werden die Israelis.

Zwar will auch die israelische Linke Jerusalem nicht teilen. Doch zieht jeder andere Grenzen. Nach dem Sechs Tage Krieg dehnte Israel die Stadtgrenzen Jerusalems aus: Gebiete von 28 anliegenden arabischen Ortschaften wurden eingemeindet. Die Stadt erstreckt sich nun über 126 Quadratkilometer. Während die extreme israelische Rechte auch die arabischen Stadtviertel mit ihren 250.000 Einwohnern behalten will, sind laut Umfragen rund 65% der Israelis bereit, rein arabische Stadtviertel aufzugeben: „Was soll ich mit Stadtteilen wie Schuafat anfangen, da geh ich doch sowieso nicht hin“, sagt Ilan Baruch. Hunderte Israelis demonstrieren jeden Freitag im arabischen Ostjerusalemer Stadtteil Scheich Jarrah gegen die Präsenz israelischer Siedler. Der Bau von Wohnungen in bereits existierenden, ausschließlich jüdischen Stadtteilen jenseits der grünen Linie ruft in Israel jedoch keinen Widerstand hervor. Kaum jemand bezeichnet die rund 250.000 Israelis, die in Ostjerusalem wohnen, als Siedler.

Ilan Baruch

Ilan Baruch

Auch Sicherheitsbedenken motivieren die Rhetorik vom „vereinten Jerusalem“. Den Stadtgrenzen lag strategisches Kalkül zugrunde: „Auf dem Hügel, auf dem sich heute Ramat Schlomo befindet, standen 1967 jordanische Mörser, die die Innenstadt beschossen“, sagt Kriegsveteran Schimon Cahaner, der heute ein Armeemuseum leitet. Während des Sechs-Tage Krieges tagte Israels Regierung in Jerusalem unter anhaltendem Beschuss. Dieses Trauma hat sich im kollektiven Gedächtnis erhalten, insbesondere angesichts des anhaltenden Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen. Israel will mit den annektierten Hügel um Jerusalem in Zukunft die Sicherheit seiner Hauptstadt absichern.
Netanjahus Aussage, dass „Wohnungsbau in Jerusalem sich nicht vom Wohnungsbau in Tel Aviv unterscheidet“, mag international umstritten sein, in Israel ist sie Konsens, besonders für ausschließlich jüdische „Stadtviertel“ wie Ramat Schlomo. „Jeder weiß, dass ein Friedensabkommen diese Stadtviertel in israelischen Händen belassen wird“, sagte Netanjahu diese Woche vor der AIPAC Lobby in Jerusalem, zu tosendem Beifall. Auch in Israel hat seine Bereitschaft, israelische Interessen in Jerusalem selbst gegenüber den USA zu verteidigen, ihm mehr Punkte eingebracht als gekostet. Zugeständnisse im Westjordanland kann Netanjahu seiner ultra-rechten Koalition zumuten. Er soll sich bereits zu mehreren vertrauensbildenden Maßnahmen verpflichtet haben, um indirekte Verhandlungen einzuleiten, wie die Freilassung hunderter Palästinenser aus israelischen Gefängnissen, die Räumung weiterer Straßensperren, vielleicht sogar eine Räumung weiterer Gebiete im Westjordanland und Verhandlungen auch über die Kernfragen des Nahostkonflikts. Ein Baustop in jüdischen Stadtteilen Jerusalems würde jedoch nicht nur seine Regierung zu Fall bringen und sein wichtigstes Wahlversprechen brechen, er widerspricht auch dem Wunsch der Mehrheit der Israelis.


Abgelegt unter: Allgemein — gilyaron @ 11:08


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