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27. Juli 2010
Sommerpause
27. Mai 2010
Fenster zur Vergangenheit
Der Restaurator Matthias Blana gehört zu den wenigen Experten Deutschlands die sich darauf verstehen, antike Keramikscherben aus archäologischen Ausgrabungen wieder zu prachtvollen Vasen zusammenzufügen. Für ihn sind die alten Gefäße ein „Fenster zur Vergangenheit“.
Für einen Durchschnittsmenschen muss der Urlaub von Matthias Blana wie eine mittelalterliche Folter anmuten. Der 38 Jahre alte Restaurator aus dem Allgäu verbringt seine Reisezeit wann immer er kann in einem dunklen Keller in Jerusalem, zwischen tönernen Stieren aus der Bronzezeit und kanaanitischen Amphoren. In den unterirdischen Gewölben des Deutschen Evangelischen Instituts (DEI) auf der Augusta schabt Blana Jahrhunderte alten Dreck von Keramikfragmenten, repariert kleine Statuen und versucht, aus einem Wirrwarr bunter Scherben antike Vasen zu rekonstruieren. Es kann Monate, manchmal sogar Jahre, dauern, bis aus hunderten Bruchstücken wieder ein Gefäß wird. Anscheinend war es kein Zufall, dass er bereits als Zwölfjähriger sein erstes Puzzle mit 10.000 Teilen zusammensetzte.

Blana mit einem Gefäss aus der Eisenzeit
Restaurator sein ist heute Blanas „Traumberuf“, trotzdem begeisterte er sich spät für Archäologie. Als er 19 Jahre alt war fiel ihm ein Buch von Thor Heyerdahl in die Hände. Der norwegische Anthropologe beschrieb, wie er mit seinem Papyrusboot „Ra II“ über den Atlantik segelte um zu beweisen, dass es schon im Altertum Kontakte zwischen Afrika und Amerika gegeben haben könnte. Das weckte Blanas Abenteuerlust. „Heyerdahl hat mich beeindruckt, weil er für andere Kulturen offen war. Ich will auch über den Tellerrand hinausblicken“, sagt Blana. Ein Artikel über eine Unterwasserausgrabung an Israels Küste weckte Blanas Neugier, und schon kurze Zeit später nahm er 1992 an einer Ausgrabung im Heiligen Land Teil: „Ich war das erste Mal weit weg von Europa. Das war schon ein Abenteuer“, sagt Blana, der mit seinen Eltern kurz vor der Wende aus der DDR nach München ausgewandert war. Bei seinem ersten Auslandsaufenthalt traute er sich noch nicht, allein umherzureisen: „Die hohe Militärpräsenz hat mich eingeschüchtert. Das fing schon am Flughafen an, als ich die Soldaten mit ihren Gewehren sah. Ich dachte, es sei Krieg. Ich wollte auf der Stelle kehrt machen. Aber später hat mich dieses Land gepackt“, sagt Blana. Nur vier Wochen später kam er wieder: „Da bin ich einen Monat lang mit dem Bus durchs Land gefahren. Es ist inzwischen meine zweite Heimat geworden“, sagt Blana.
Fast jedes Jahr kommt Blana in den Nahen Osten, und ganz besonders nach Israel, um Funde zu restaurieren. „Man kann schon sagen, dass meine Frau da manchmal ein wenig eifersüchtig ist“, sagt der Vater von zwei Kindern mit einem Schmunzeln. Israel sei eine zweite Heimat für ihn geworden, sagt er, doch Blana ist kein naiver Israelfan: „Israel ist für mich der Fuß des Westens in der Tür des Nahen Ostens. Hier stoßen zwei Kulturen aufeinander. Das Leben ist rauher, Menschen sind rücksichtsloser“, sagt Blana. Erst vor kurzem entdeckte er jedoch eine andere, tiefere Verbindung zwischen dem Judenstaat und seiner Familiengeschichte. „Ich habe mich oft gefragt, warum ich herkomme“, sagt Blana, und plötzlich gerät sein Redefluss ins Stocken. Kurz vor ihrem Tod habe seine Mutter ihm ein Familiengeheimnis offenbart, sagt Blana, und ringt jetzt sichtlich mit den Tränen: „Meine Vorfahren stammen aus Oberschlesien. Meine Großeltern hatten jüdische Nachbarn, die im Zweiten Weltkrieg verschwanden. Niemand wusste wohin.“ Es fiel an seinen Großvater, den Hintergrund der verschwundenen Nachbarn aufzudecken: „Mein Großvater war Zugführer bei der Reichsbahn. Damals musste man ab und zu anhalten, neue Kohle laden und die Bremsen in den Wagons überprüfen.“ Eines Tages, bei einer Routineüberprüfung, entdeckte Blanas Großvater, dass er eine erschütternde Fracht transportierte: „In den Wagons waren hunderte Menschen, Juden. Ich fürchte, mein Opa hat sie nach Auschwitz gefahren.“ Der Großvater erzählte niemand davon, bis sein Beichtvater nach seinem Tod Blanas Mutter von dem dunklen Geheimnis erzählte, dass ihren Vater Zeit seines Lebens geplagt hatte: „Rückblickend gibt für mich jetzt alles Sinn“, sagt Blana. „Ich bin die dritte Generation und mir ist klar, dass ich keine Schuld habe. Aber immer, wenn ich herkomme, habe ich das Gefühl, dass 300 Tote hinter mir stehen.“ Plötzlich erhält auch Blanas Maxime: „Nur wenn wir unsere Geschichte kennen, können wir unsere Zukunft besser abschätzen“ eine völlig neue Bedeutung.

Figurine und Arbeitsmaterial
Von Heyerdahl inspiriert wollte Blana anfangs Archäologie studieren, aber Freunde rieten ihm ab. Er wählte die Karriere als Restaurator. „Ein Archäologe muss sich auf ein bestimmtes Forschungsfeld konzentrieren. Ich kann mich hingegen mit Bodenfunden aus aller Welt und jedem Zeitraum befassen“, sagt Blana zufrieden über seinen damaligen Entschluss. „Mehr als 95% der Funde an archäologischen Ausgrabungen sind Keramikscherben“, sagt Blana. Ohne dass ein Restaurator sie hergerichtet hat, sind sie für die Forscher nur schwer verwertbar. „Meine Aufgabe ist es, Spuren der Vergangenheit wieder lesbar zu machen“, sagt Blana. „Zuerst überprüfe ich die Bruchstücke. Sind sie fest, oder bröckeln sie und sanden ab?“ Danach werden die Funde gereinigt. Über die Jahrhunderte lösen sich Kalk und Salz aus dem Boden im Grundwasser und steigen an heißen Sommertagen mit dem Wasser zur Oberfläche. Wenn das Wasser verdunstet, bleiben Kalk und Salz zurück und bilden an den archäologischen Funden „Sinterkrusten“. Blana erklärt sein Vorgehen: „Die Krusten werden mit einem 10%igen Salzsäurebad abgelöst und die Scherben in destilliertem Wasser gereinigt.“ Später schabt der gelernte Zahntechniker die verbleibenden Rückstände mit einem Skalpell ab. Die Sisyphusarbeit kann beginnen.
„Ich lege die gesäuberten Scherben auf einen Tisch und beginne, sie zu ordnen, versuche herauszufinden, was zusammengehört: Zuerst nach der Farbe: rote, graue, gelbe, dann nach Material und Dicke.“ Seine frühen Puzzlespiele waren wertvolle Erfahrungen: „Um ein Restaurator zu werden braucht man viel Geduld, und Hartnäckigkeit. Es ist wie ein Duell. Wer hat den längeren Atem?“ Es kann Jahre dauern, bis ein größeres Tongefäß wieder zusammengesetzt ist. „Man fängt normalerweise mit dem Boden an“, sagt Blana. Es fordert Exaktheit, und viel räumliches Denken: „Ein kleiner Fehler am unteren Teil kann dazu führen, dass oben nichts mehr passt. Deswegen benutzen wir auch reversible Kunstharzkleber oder Nitrocellulose. Schon so manches Mal habe ich ein Gefäß mühsam zusammengesetzt, nur um alles wieder auseinanderzunehmen.“
Blana fühlt sich in seinem Keller nicht einsam: „Funde, mit denen ich so lange arbeite, werden für mich so eine Art Familienmitglied. Ich spreche zu ihnen“, sagt Blana: „Das ist ja in Ordnung, solange sie mir nicht antworten“, fügt er lächelnd hinzu. Immer wieder gibt es Augenblicke, die den ansonsten recht nüchternen Restaurator faszinieren. Blana erinnert sich noch gut an eine Keramikscherbe von seiner ersten Ausgrabung in Israel: „Es war ein Stück nahe dem Henkel, aus dem Schulterbereich eines Gefäßes. Ich entdeckte den Fingerabdruck des Töpfers. Das hat mich sehr gerührt, weil ich gesehen habe, dass da ein Mensch daran gearbeitet hat, und das ist immerhin 2500 Jahre her.“ Doch selbst die Begeisterung dieses enthusiastischen Restaurators kennt Grenzen: „Wenn meine Tochter daheim einen Teller zerdeppert, schmeiß ich ihn weg. Ich hole mir die Arbeit nicht ins Haus.“
12. Mai 2010
Jerusalem feiert seinen Festtag - zumindest im Westen
Nach langer Pause wieder zurück…
Das israelische Jerusalem feiert heute seinen Feiertag - Jom Jeruschalayim, nennen das die Israelis. Sie feiern heute die Einheit ihrer “ewigen, unteilbaren Hauptstadt” - eine gute Gelegenheit, um pompöse Aussagen über die Zukunft der Stadt zu machen, die sich im Herzen des Nahostkonflikts zwischen Israelis und Palästinensern befindet.
Höhepunkt sind die Fahnenmärsche von ausländischen und israelischen Jugendlichen, die mit Flaggen durch die Stadt und in die Altstadt marschieren. Ein fröhlicher Umtrieb, den die arabischen Bewohner der Stadt mit Argwohn betrachten. Jerusalemer fliehen an diesem Tag übrigens am liebsten aus ihrem Wohnort, da zehntausende Besucher von außerhalb und strenge Sicherheitsvorkehrungen die ohnehin schon fast unerträglichen Verkehrs in einen festsitzenden Megastau verwandeln.
Doch eigentlich gibt es in der Stadt nur wenig zu feiern. Neueste Statistiken zeigen wieder einmal deutlich, dass Jerusalem die ärmste Stadt Israels ist. Der Anteil der Ultra-Orthodoxen ist hier drei Mal höher als im Landesdurchschnitt, mehr als die Hälfte der palästinensischen Kinder leben unter der Armutsgrenze, zehntausende von ihnen haben keinen Platz in der Schule. Kein Wunder, dass die besser situierten Säkularen Israelis, die nur mehr eine kleine Minderheit der Erstklässler stellen, immer häufiger das Weite suchen. Auch im Jahr 2009 verließen wieder mehr Israelis die Stadt als zuwanderten. Trotzdem kann Jerusalem, Dank durchscnittlich 4 Kindern pro Familie, im Jahr 2010 insgesamt wieder einen Bevölkerungszuwachs für sich verbuchen.

Tanzende Schulkinder vor dem Jaffator mit obligatorischer Israelfahne
Also, raus in die Straßen (zu Fuß) und so gut es geht mitgefeiert!
Wer will, kann hier auch noch ein Video dazu anschauen…
19. April 2010
Korruptionsaffäre erschüttert Israel
Jerusalemer mochten das Bauprojekt noch nie. Israelische Medien bezeichnen den riesigen Hochhauskomplex, der das „Holyland Hotel“ auf einem Hügel in der Stadt ersetzte, als „Schandfleck“. Neben dem Architektenstreit rangt sich nun angeblich „eine der größten Korruptionsaffären in der Staatsgeschichte“ Israels um die umstrittenen Luxuswohnungen. Zig Millionen Euro sollen Beamten zugeschoben worden sein, um den Bau der hässlichen Häuser mit dem traumhaften Ausblick zu genehmigen, Baurechte auszudehnen und Bauauflagen zu ignorieren. Als Hauptverdächtige gelten Ex-Premier Ehud Olmert, der zu Zeit der Planung als Jerusalems Bürgermeister amtierte, und sein Nachfolger Uri Lupolianski. Sechs Personen befinden sich bereits in Untersuchungshaft, eine Vielzahl hochrangiger Beamter steht unter Korruptionsverdacht.
„Diese Affäre ist in ihrem Umfang beispiellos“, sagte Staatsanwältin Liat Ben-Ari dem obersten Gerichtshof, und schätzte, „dass wir in diesem Fall wahrscheinlich noch hunderte Zeugen vernehmen werden“. Olmert muss sich bereits wegen zwei anderer Korruptionsaffären vor Gericht verantworten muss. Nun wird ihm und seinem Nachfolger vorgeworfen, Zahlungen in Millionenhöhe entgegengenommen und dafür dem Holyland-Projekt weitere Baurechte zugesichert zu haben. Auflagen zur Errichtung öffentlicher Einrichtungen, wie Kindergärten, Synagogen und Schulen wurden einfach gestrichen.
Olmert und Lupolianski haben jede Schuld von sich gewiesen. Olmert teilte in einer Presseerklärung mit, die Veränderungen am Bau seien in Lupolianskis Amtszeit vorgenommen worden. Lupolianski konterte, die korrupten Entscheidungen seien gefällt worden, als er im Rathaus noch als machtloser Stellvertreter Olmerts fungiert habe. Die Anklage ließ erkennen, dass sie bereits über einen Kronzeugen verfüge, aber noch weiteres Beweismaterial sicherstellen wolle. 


Unbeliebte Luxusbauten - Holyland
Die Holyland-Affäre scheint jedoch nur einen Auftakt zu bilden. Der Minister für Innere Sicherheit Itzchak Aharonovitsch spekulierte, der Bauskandal in Jerusalem sei nur die „Spitze der Eisbergs“. Schon spekulieren Medien über eine Vielzahl anderer Jerusalemer Bauprojekte, die mit fragwürdigen Genehmigungen errichtet wurden.
In den vergangenen Jahren haben Korruptionsskandale das Land erschüttert. In einer Zeit bemerkenswerter wirtschaftlichen Aufschwungs war es im ehedem sozialistisch angehauchten Land zur Norm geworden, sich an der öffentlichen Kasse zu bedienen. Doch nun greift die Polizei und Staatsanwaltschaft mit harter Hand durch. Gleich mehrere Minister, darunter auch der ehemalige Finanzminister Abraham Hirschson, verbüßen wegen der Veruntreuung öffentlicher Mittel inzwischen lange Haftstrafen, prominente Politiker wurden für Vetternwirtschaft verurteilt. Trotz der öffentlichkeitswirksamen Gerichtsverfahren ist Israel in der Rangliste korrupter Staaten weltweit jedoch immer tiefer gesunken. Platzierte die Organisation „Transparency International“, die Korruption weltweit erforscht, Israel im Jahr 1997 noch auf Rang 15 von 180, rutschte der Staat im Vorjahr auf Platz 32 ab.
13. April 2010
Die Kreuzzüge
Es ist mal wieder Zeit für ein wenig Geschichte. Angesichts der neuerlichen Spannungen um Jerusalem ist es deswegen vielleicht passend, sich an die Zeit der Kreuzzüge zu erinnern…
Nachdem Jerusalem im Jahr 638 an die Muslime gefallen war, war es an den Christen, sich als geduldete Minderheit zu fühlen. Von kurzen Ausnahmen wie der Regierungszeit des «verrückten Kalifen» al-Hakim bi amr Allahs abgesehen, ging es den Christen vor Ort gut, solange sie die Dschizya, die Kopfsteuer der «Ungläubigen», entrichteten. Andere Entwicklungen bereiteten ihnen jedoch Sorgen. Mit dem Einfall der Turkmenen in das Byzantinische Reich wurde das Christentum im 11. Jahrhundert im Osten immer weiter zurückgedrängt. Die Niederlage in der Schlacht von Manzikert im Jahre 1071 markierte einen Wendepunkt, von dem an Byzanz immer stärker in Bedrängnis kam. Kaiser Romanus IV. Diogenes wurde im Kampf von seinem turkmenischen Widersacher Alp Arslan gefangengenommen und mit Geschenken entlassen.
Seine Truppen verziehen ihm die Niederlage aber nicht: Sie setzten ihn ab, blendeten ihn und töteten ihn nach langer Folter. Die Schlacht zerstörte den Nimbus der Unbesiegbarkeit byzantinischer Truppen und erweckte im Westen den Verdacht, dass Byzanz die Christenheit im Osten, und vor allem auf den Pilgerreisen ins Heilige Land, nicht mehr schützen konnte.
Den Nachfolgern Romanus’ wurde schnell deutlich, dass es ihrer Armee an professionellen Soldaten mangelte. Also entsandte Kaiser Alexios I. von Byzanz eine Abordnung zu einem Konzil in Piacenza im Sommer 1095 mit der Bitte, der Papst möge sich für westliche Militärhilfe an Byzanz einsetzen. Die Stadt Jerusalem wurde dabei zu einem zentralen Argument für ein christliches Engagement. Dies mag auch ein geschickter rhetorischer Vorwand gewesen sein, ging es Byzanz doch wahrscheinlich weniger um eine Befreiung des Heiligen Landes als um den Kampf an seiner Ostgrenze.
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