Die Via Dolorosa

via-dolorosaDer Leidensweg Jesu, die «Via Dolorosa», verlief nicht entlang der Route, die die heilige Helena bei ihrem Besuch in der Stadt 326 n. Chr. festlegte und die sich seither in der christlichen Tradition erhalten hat. Forscher halten inzwischen einen anderen Leidensweg Christi für wahrscheinlicher.

Er beginnt am Ort des Verrats im Garten Gethsemane, am Fuße des Ölbergs, wo Jesus von römischen Soldaten verhaftet wurde. Von dort wird Jesus in das Haus des Hohepriesters Kaiphas gebracht. Dessen Anwesen befand sich wahrscheinlich in der reichen Oberstadt, in der Nähe des heutigen Jaffatores. Nach dem nächtlichen Verhör wurde Jesus dem Sanhedrin, dem höchsten religiösen Rat von 72 Priestern, vorgestellt, der in der Basilika an der Südseite des Tempelhofes tagte. Von hier wurde Jesus zurück in die Gegend des Jaffatores gebracht, wo Pontius Pilatus in Herodes’ Palastkomplex, der sich in etwa da befand, wo heute im «Kischle» die Altstadtpolizei ihr Hauptquartier hat. Dann wurde Jesus zur Kreuzigung geführt, von der manche Forscher inzwischen meinen, dass sie tatsächlich auf dem Felsen stattgefunden haben könnte, auf dem sich heute die Grabeskirche befindet.

Im Gegensatz zu tausenden Pilgern, die alljährlich zu Ostern ein Kreuz durch die Gassen der Via Dolorosa tragen, trug Jesu wahrscheinlich nur einen Querbalken, das Patibulum, das an beiden Armen festgebunden war. Vor der Prozession der Todgeweihten wurde eine roh gezimmerte Holztafel (Titulus) getragen, die das Verbrechen der Verurteilten angab. Es wurde später oberhalb des Kopfes angenagelt. Die von den Evangelisten übereinstimmend berichtete Sonnenfinsternis zwischen 12 und 15 Uhr hat es dabei wahrscheinlich nicht gegeben, da die Kreuzigung am Tage vor dem Passahfest erfolgt sein soll. Passah fällt hingegen auf einen Vollmond, der keine Sonnenfinsternis zulässt. Die kann nur bei Neumond stattfinden. Somit war höchstens eine Mondfinsternis möglich. Tagsüber wird diese aber kaum sichtbar gewesen sein.




Der widersprüchliche Christus

Wer die Evangelien aufmerksam liest, dem sollte auffallen, dass es hinsichtlich des Lebens und Wirkens Jesu zahlreiche Widersprüche gibt. Das mag daran liegen, dass viele Aspekte seiner Lebensgeschichte in sein Leben hineingedeutet wurden, um die Erfüllung heidnischer oder jüdischer  Prophezeiungen zu demonstrieren.

Jesu Abstammung aus dem Hause Davids ist zum Beispiel aus jüdischer Sicht eine zentrale Voraussetzung für Jesus Anspruch, Messias sein zu können. Genau wie aber Jesus von David abstammen soll, darüber sind sich die Evangelien nicht einig. Matthäus zählt 28 Generationen zwischen König David und Jesus, während Lukas auf 41 kommt. Dies ganz abgesehen vom Umstand, dass die angebliche Jungfrauengeburt Marias, die an heidnische Mythen anlehnt oder einem Übersetzungsfehler entspringt, die Abstammung von Jesu Vater Josef ja eigentlich irrelevant macht. Matthäus, Lukas und Markus (15, 33-34) beschreiben, wie  «nach der sechsten Stunde eine Finsternis über das ganze Land ward bis um die neunte Stunde. Und um die neunte Stunde rief Jesus laut und sprach: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Dies ist nichts anderes als die Erfüllung der Vision des Propheten Amos und ein Zitat von Psalm 22, 2″Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? ich heule; aber meine Hilfe ist ferne.” Diese Worte und Umstände wurden Jesus wahrscheinlich post-mortem von seinen Jüngern in den Mund gelegt um seinen Messias-Status zu rechtfertigen.

Wie schon vor einer Woche erwähnt, nehmen manche das zum Anlass, um Jesus Existenz per se in Frage zu stellen. Wenn man als kritischer Leser zwar viele Erzählungen der Evangelien bezweifeln darf, scheint es doch genug Anhaltspunkte dafür zu geben, dass es Jesus trotz aller Skepsis tatsächlich gegeben hat.

Für diesen Rabbiner Jesus von Nazareth spielte Jerusalem, Standort des herodianischen Tempels, eine zentrale Rolle.

Die Stadt wird in den Evangelien 154 Mal erwähnt. Heute wird die Bedeutung der Stadt für Christen schon allein daraus ersichtlich, dass mindestens 40 verschiedene Kirchen in der Stadt vertreten sind. Sie ist der Nabel der christlichen Welt. Das «Vaterunser» in der Pater Noster-Kirche auf dem Ölberg verdeutlicht dies auf ganz eigene Art. Auf armenischen Kacheln kann man das Gebet in 70 Sprachen lesen, sogar auf Plattdeutsch und in der Blindenschrift Braille.




Christliches Jerusalem - gab es Jesus wirklich?

jesus-enters-jerusalem-for-passoverDie zentrale Rolle Jerusalems für die christliche Welt ist eng mit dem Leben, Wirken, Tod und der Auferstehung von Jesus von Nazareth verknüpft. Hier, im prachtvollen herodianischen Tempel, wurde Jesus zum Agitator, der die Elite der Priester herausforderte: »Und das Passah der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel die Verkäufer von Ochsen und Schafen und Tauben und die Wechsler, die dasaßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus, samt den Schafen und Ochsen, und den Wechslern verschüttete er das Geld und stieß die Tische um und sprach zu denen, welche die Tauben feilboten: Traget das von dannen! Machet nicht meines Vaters Haus zu einem Kaufhaus!» (Johannes 2, 13-16). Doch Jesus fand für seine Thesen im Tempel Anhänger: »Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Vornehmsten im Volk trachteten ihm nach, wie sie ihn umbrächten; und fanden nicht, wie sie ihm tun sollten, denn das Volk hing ihm an und hörte ihn.» (Lukas 19, 47-ff).

Anders als für die Existenz anderer zentraler Akteure der Bibel, wie König Salomon, existieren für das Leben Jesu Belege in Form unabhängiger zeitgenössischer Quellen. Wenn auch keine archäologischen Befunde. Außer den Evangelien, die teilweise mehr als hundert Jahre nach seinem Tod verfasst wurden, erwähnt auch Josephus Flavius einen «Jesus, der Christus genannt» wird. In den Schriften von Plinius dem Jüngeren, Tacitus oder Josephus Flavius gibt es Andeutungen auf Jesus. Manche argumentieren zwar, Jesus sei erfunden worden. Für diese provokante These spricht, dass viele Aspekte seiner Lebensgeschichte widersprüchlich sind oder in sein Leben hineingedeutet wurden, um die Erfüllung heidnischer oder jüdischer Prophezeiungen zu demonstrieren.Doch davon mehr nächstes Mal.
Doch trotzdem sind die meisten Forscher davon überzeugt, dass ein historischer Jesus existierte. Sie verweisen darauf, dass der «Mythos» von Jesus wohl kaum in nur 50 Jahren mit der mutmaßlichen Verfassung des ersten Evangeliums hätte entstehen können.




Juden als Verbündete der Perser

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Nur noch einmal werden Juden für kurze Zeit Herrscher in Jerusalem. Im siebten Jahrhundert wollen sie an Seite der Perser, die nach Jahrhunderten zum entscheidenden Schlag gegen Ostrom ausholen, ihr Heiligtum befreien. Die Stunde scheint günstig, Byzanz ist geschwächt. So tritt Persiens Herrscher Khosrau in einen Pakt mit den Juden und verspricht ihnen die Wiederherstellung ihres Tempels. Der Exilarch Nehemia Ben Huschiel, Nachkomme der davidischen Dynastie, stellt eine Streitmacht von 20.000 Juden auf, um an Seite Khosraus gegen Byzanz zu ziehen. Juden in Byzanz öffnen den Eroberern die Tore und empfangen sie als Befreier. Ihr Verhalten ist Resultat von Jahrhunderten römischer und frühchristlicher Diskriminierung.

Im Jahr 614 erobern die Juden endlich Jerusalem und herrschen hier drei Jahre lang. Sie sammeln Geld, um den Tempel zu errichten, und nutzen die Gelegenheit, um sich an den Christen zu rächen. Nach der Ermordung ihres Anführers Huschiels töten die jüdischen Soldaten zwischen 25000 und 90000 Christen. Die Grabeskirche wird schwer beschädigt, das heilige Kreuz von den Persern gestohlen. Juden ziehen durch Palästina und zerstören Klöster und Kirchen, Christen konvertierten zum Judentum, manche sogar freiwillig.

Doch als Heraklius im Jahr 630 nach dem Sieg über die Perser mit dem heiligen Kreuz in Jerusalem einzieht, bricht er, angestachelt von rachesüchtigen Priestern, sein Versprechen. Sie entlassen ihn im Vorhinein aus seinem Schwur und setzen vorsichtshalber einen Fasttag für ihn ein, damit er in Ruhe die Juden schlachten kann. Dieser Fasttag wird sich in der orthodoxen Kirche Jahrhunderte erhalten.

Doch Huschiels Feldzug endet wie die Versuche seiner Vorgänger. Im entscheidenden Augenblick wechseln die persischen Verbündeten die Seite. Nachdem die Juden ihm den Weg ans Mittelmeer bereitet haben, braucht Khosrau jetzt die Hilfe der byzantinischen Christen. Er will die Spaltung zwischen Orthodoxen und Monophysiten nutzen. Um deren Gunst zu gewinnen, bricht er seinen Bund mit den Juden und wirft sie aus Jerusalem. Verraten, wenden diese sich an den byzantinischen Herrscher Heraklius, der ihnen im Gegenzug für ihre Hilfe Amnestie verspricht.




Widerstand gegen Rom

Doch nach der großen Rebellion haben die Juden sich ihrem Schicksal als römische Untertanen noch nicht ergeben. Zweimal rebellieren sie gegen Rom. Ihr erster Aufstand in der Diaspora im Jahr 115-117 ist so gewaltig, dass er nur mit der völligen Auslöschung der jüdischen Gemeinden von Ägypten, Zyrene (Libyen) und Zypern beendet werden kann. Noch 100 Jahre später ist Zypern judenrein. Wenn ein Jude von einem Sturm an Land gespült wird, ist er des Todes.
Der Wunsch Kaiser Hadrians, auf dem heiligen Berg einen Zeustempel zu errichten, löst 132 den dritten Aufstand aus. Diesmal brauchen die Römer nicht vier sondern 10 Legionen, um ihn niederzuschlagen. Rom zieht Truppen aus Britannien, Gallien und den Donaugebieten zusammen, um der Juden Herr zu werden. Dabei wird die XXII. Legion so aufgerieben, dass sie aus den Listen der Armee verschwindet. Wurde im ersten Aufstand hauptsächlich Jerusalem zerstört, ist das Resultat des zweiten Aufstandes unter Bar Kochba völlige Vernichtung des ganzen Landes:„Nur ganz wenige von ihnen kamen mit dem Leben davon. Fünfzig ihrer wichtigsten Festungen und 985 der bedeutendsten Ansiedlungen wurden dem Erdboden gleich gemacht,“ schreibt der Geschichtsschreiber Cassius Dio und fährt fort:„Ferner fanden 580 000 Mann bei den einzelnen Angriffen und Schlachten den Tod; die Zahl der durch Hunger, Krankheit und Feuer zugrunde Gegangenen war nicht festzustellen. So wurde fast ganz Judäa zur Einöde […] Wölfe sowie Hyänen drangen heulend in ihre Städte ein.“
Erbeutete jüdische Sklaven sind im Überfluss zu haben, so dass sie im Markt von Terebinthe für die Futterration eines Pferdes zu haben sind. Doch sie hatten ihr Blut teuer verkauft:„Es mussten aber auch viele Römer in diesem Kriege sterben“, beklagt Dio. „Deshalb verwendete Hadrian in seinem Schreiben an den Senat nicht die bei den Kaisern übliche Einleitungsformel, nämlich: “Wenn ihr und euere Kinder gesund seid, dann ist es gut; ich und die Legionen fühlen uns gesund.”“ Es ist das einzige Mal, dass diese Formel ausgelassen wird.
Von nun an ist es den Juden verboten, Jerusalem zu betreten. Für eine Steuer ist es ihnen gestattet, den Tempelberg von weitem zu betrachten. Erst im 5. Jahrhundert wohnen Juden wieder in der Stadt. Wie vor ihm Titus siedelt auch Hadrian hier die X. Legion Fretensis an. Die Wahl könnte beabsichtigt gewesen sein: Ihr Abzeichen, das den Juden unreine Wildschwein, krönt von nun an die Gebäude und schändet ihre heilige Stadt. Hadrian ist entschlossen, jedes Andenken an das widerspenstige Judentum auszulöschen: Kartographen streichen den Namen Judäa und schreiben „Palästina“ an seiner statt, der Tempelberg wird zur Ruine, die in späteren Zeiten wahrscheinlich als Latrine benutzt wird. Das Beschneiden und das Lehren jüdischer Bräuche werden in Palästina verboten.
Nur einmal im Jahr, am 9. Av, dürfen Juden in die Stadt. An dem letzten Überbleibsel ihres Tempels, der westlichen Stützmauer des herodianischen Vorhofs, beklagen sie vor schadenfrohen Römern und später ebenso feindlich eingestellten Christen ihr Schicksal. So wird die westliche Stützmauer, die während des ersten Aufstands die Zerstörungswut der Römer überstand, stellvertretend für den zweiten Tempel zum heiligsten Ort des Judentums wird, in der westlichen Welt als „Klagemauer“ bekannt.




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