Juden im osmanischen Jerusalem – Teil I

Bis zum 19. Jahrhundert ist die Basis dieser Zionsliebe religiös. Der Überlieferung nach werden nur die Juden, die im heiligen Land begraben sind, nach der Rückkehr des Messias auferstehen. Deswegen streuen viele Juden in der Diaspora bis heute Erde aus Israel ins Grab. Andere reisen nach Palästina, um vor allem auf dem Ölberg, direkt gegenüber vom Tempelberg, begraben zu werden. Doch sie waren eine Minderheit, denn die Rabbiner sehen gemäß dem fünften Buch Moses (Dtn 26,15-19) in der Diaspora eine himmlische Strafe für die Gottlosigkeit ihres Volkes. Nur der gottgesandte Messias darf diesen Zustand ändern. Diese Haltung wird später der schärfste Diskussionspunkt zwischen Zionisten und religiösen Juden werden. Selbst die säkulare Befreiungsbewegung der Juden nimmt ihren letztlich ihren Namen von Jerusalem und nennt sich Zionismus.
 

Im osmanischen Palästina sind Juden Bürger zweiter Klasse. Zweitweise dürfen sie keine neuen Synagogen errichten. Wenn sie eine Erlaubnis erhalten, müssen sie auf eigene Kosten ein Minarett daneben bauen, dass die Synagoge überragt, um die Überlegenheit des Islam zu demonstrieren. Mit dem allgemeinen Niedergang des osmanischen Reiches verarmt auch die jüdische Gemeinde Palästinas. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind etwa 10.000 der laut manchen Schätzungen rund 150 000 Bewohner Palästinas Juden. Sie müssen entrichten dem Pascha eine „Miete“, oder ein Bakschisch, von 300 englischen Pfund im Jahr, um an der Klagemauer beten zu dürfen.




Jersusalem unter islamischer Herrschaft

Die Freude der Christen nach der Rückeroberung Jerusalems ist nicht von Dauer. Von ihrem Machtkampf ausgehöhlt, schmelzen Byzanz und Persien vor der neuen Macht, dem aus der arabischen Halbinsel ausbrechenden Islam, dahin. Im Jahr 638 fällt Jerusalem in die Hände des Khalifen Omar. Anfängliche Hoffnungen der Juden, dass nun der Tempel errichtet werden kann, machen die Muslime bald zunichte. Sie errichten mit dem Felsendom im Jahr 692 das älteste islamische Sakralbauwerk der Welt. Die später vergoldete Kuppel, fortan das Wahrzeichen Jerusalems, befindet sich genau über dem „Even Haschtiyah“, dem heiligen „Schöpfungsstein“, über dem sich einst das Allerheiligste befand. Die Weichen für einen Zusammenstoß von Judentum und Islam sind gestellt.

Doch wenigstens gestatten es die Muslime den Juden wieder, in der Stadt zu wohnen. Omar richtet ein Judenviertel ein und bringt 70 jüdische Familien aus Tiberias in die Stadt. Rabbiner ermuntern ihre Gemeinden nach Jerusalem zu pilgern. Es gilt sogar als Scheidungsgrund, wenn der Ehepartner sich weigert, mit nach Jerusalem zu pilgern. Den Juden Jerusalems scheint es zu gut zu gehen. Der muslimische Geschichtsschreiber al-Muqadassi beschwert sich im Jahr 985 darüber, dass Juden überall in Jerusalem die Oberhand haben. Selbst die Kreuzzüge, die bei der Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 Juden und Muslime niedermetzeln, unterbrechen die jüdische Präsenz nicht auf Dauer. Der Pilger Benjamin von Tudela beschreibt 70 Jahre nach dem Massaker der Kreuzritter wieder eine Gemeinde von 200 Juden in Jerusalem, die an der Klagemauer ihre Gebete verrichten.

Schon vor der spanischen Inquisition, die eine neue Einwandererwelle nach Jerusalem brachte, drängte es vereinzelte Juden immer wieder zu ihrer alten Hauptstadt. Der in Spanien lebende Poet Yehuda Halevi (1075-1141) fasste die Sehnsucht der Diaspora nach dem himmlischen Zion, ein biblischer Name Jerusalems, in Worte:„Wenn ich nur deinen Staub küssen könnte/dann könnte ich ruhig sterben/so süß wie Honig würden dann/meine Sehnsucht und Verlangen“. „So leicht es für mich ist die Annehmlichkeiten Spaniens zu verlassen, so teuer ist mir der Anblick der Asche des zerstörten Allerheiligsten“. Halevi steht zu seinem Wort. Als alter Mann reist er nach Ägypten und kommt wahrscheinlich in Palästina ums Leben. Tausend Jahr später wird 1966 der jüdische Nobelpreisträger Schmuel Josef Agnon bei seiner Dankesrede ähnliche Gefühle beschreiben:„Wegen einer historischen Katastrophe, der Zerstörung Jerusalems durch den römischen Kaiser … bin ich in einer der Städte der Diaspora geboren. Aber ich habe mich selbst immer als jemand betrachtet, der in Jerusalem geboren wurde.“




„On the rivers of Babylon…“

babylonian-exile1 Die Jerusalemer Elite, rund 5000 Menschen, werden ins babylonische Exil verschleppt und unter der Aufsicht des Exilarchen aus dem davidischen Königshaus, der den Status eines Prinzen innehat, auf verschiedene Städte verteilt. Eine davon heißt Tell Abib, deren Namen 2500 Jahre später Nachum Sokolov bei der Namensfindung für Tel Aviv inspirieren wird.

In Babylon wird Jerusalem zum Mittelpunkt einer aufblühenden Exilliteratur. Die Stadt und die Einhaltung des Sabbats sind die wichtigsten Komponenten einer jüdischen Identität. Nach der Katastrophe wird sie eine von Reue gekennzeichnete Wurzelsuche. Jerusalem ist nicht mehr nur politisches Zentrum, sondern wird zum heiligen Ort, Sitz der Schechina, dem Geist Gottes. Rabbiner erklären, dass Frauen dort keine Fehlgeburt haben, niemand von Schlangen oder Skorpionen gebissen wird, im Tempel die Flammen nie vom Regen gelöscht und der Rauch der Opferfeuer vom Wind nie über die Menge der Betenden geweht wird. Diese Idee des himmlischen Jerusalem wird später von Christentum und Islam übernommen. In der Ruine des Tempels ist in dieser Zeit eine Kultstätte für die Bewohner der Umgebung weiter in Betrieb, das geistige Zentrum des Judentums verlagert sich jedoch ins persische Reich. Hier formuliert man die Idee der Rückkehr, die die Juden auch in spätere Exile begleiten wird. Wenn Gott wieder mit Gnade auf Israel blickt, wird der Messias, der Gesalbte, sein Volk heimführen, heißt es. Erwartungsvoll hortet man in der Stadt Nehardea die Tempelsteuer, ein halber Schekel pro Kopf, für den Wiederaufbau des Heiligtums.