Mittlerweile ist die Klagemauer, das letzte Überbleibsel des herodianischen Tempelkomplexes, das religiöse und nationale Herzstück des Staates Israel. Touristen bestaunen die fast mannshohen Felsen, die „so groß sind, dass es einfach unbegreiflich ist, wie man sie hochgehoben und auf ihren Platz gesetzt hat“, so der persische Pilger Nasir-i-Khusrau im Jahr 1047. Nicht immer war die Atmosphäre hier feierlich. Bis 1967 steht die Klagemauer entlang einer 3 Meter schmalen, 30 Meter langen, stinkenden Gasse, durch die arabische Viehhirten zu Zeiten des Gebets demonstrativ ihre Herden trieben. Nur wenige erfassen die wahre Größe dieses Bauwerk: 17 unausgegrabene Steinreihen befinden sich noch immer unterhalb des heutigen Straßenniveaus. Orthodoxe verweilen im Gebet, Besucher berühren in Ekstase die zweitausend Jahre alten Steine, die Millionen von Küssen und streichelnden Händen glatt gerieben haben. Auch wenn nach jüdischer Weltanschauung Gott überall präsent ist, spüren Juden ihn in Jerusalem am meisten. Rabbiner Michael Goldberger aus Zürich erklärt die Beziehung von Gott und Jerusalem auf seine Art:„Es ist wie mit dem Puls“, sagt er:„Er ist überall, aber man kann ihn nur an besonderen Stellen fühlen.“
5. August 2009
Jerusalem - Der Puls des Judentums
2. August 2009
Juden im osmanischen Jerusalem – Teil II
Der deutsche Reisende Ulrich Jasper Seetzen schreibt auf seiner Palästinareise 1806:“Die Juden haben 5 Synagogen. [...] Ich habe von keiner gehört, die nicht den Stempel der Unbedeutendheit auf sich trüge, an einem Orte, wo sie zur Zeit der Blüte ihrer Nation einen der berühmtesten Tempel in der Welt hatten, dessen heiligen Standort sie noch täglich sehen, ohne es einmal wagen zu dürfen, durch die Thore zu schauen, die zu demselben führen. Diese unglückliche Nation, welche auch hier, so wie überall, zu dem verachtesten Volke gehört, gleicht dem Tantalus, welcher bey dem nahen Genusse des Ersehnten, nie zum wirklichen Genusse kommt, oder dem Wanderer in der Wüste, der bey dem vor ihm scheinbar wallenden Meere von Dunst vor Durst verschmachtet. […] Die Juden sind im osmanischen Reich sehr geplagte Leute, indem nicht bloss der Mohammedaner, sondern auch der Christ sich berechtigt glaubt, sie zu beschimpfen. … Armes Volk!“
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt die jüdische Gemeinde Jerusalems einen rasanten Aufschwung. Im Jahr 1880, noch vor den zionistischen Einwanderungswellen, sind sie mit 17.000 Bewohnern bereits die größte Bevölkerungsgruppe Jerusalems, doch 85% von ihnen leben von Almosen jüdischer Gemeinden der Diaspora. Vor Ausbruch des ersten Weltkriegs stellen Juden mehr als die Hälfte der 80.000 Einwohner Jerusalems.
29. Juli 2009
Juden im osmanischen Jerusalem – Teil I
Bis zum 19. Jahrhundert ist die Basis dieser Zionsliebe religiös. Der Überlieferung nach werden nur die Juden, die im heiligen Land begraben sind, nach der Rückkehr des Messias auferstehen. Deswegen streuen viele Juden in der Diaspora bis heute Erde aus Israel ins Grab. Andere reisen nach Palästina, um vor allem auf dem Ölberg, direkt gegenüber vom Tempelberg, begraben zu werden. Doch sie waren eine Minderheit, denn die Rabbiner sehen gemäß dem fünften Buch Moses (Dtn 26,15-19) in der Diaspora eine himmlische Strafe für die Gottlosigkeit ihres Volkes. Nur der gottgesandte Messias darf diesen Zustand ändern. Diese Haltung wird später der schärfste Diskussionspunkt zwischen Zionisten und religiösen Juden werden. Selbst die säkulare Befreiungsbewegung der Juden nimmt ihren letztlich ihren Namen von Jerusalem und nennt sich Zionismus.
Im osmanischen Palästina sind Juden Bürger zweiter Klasse. Zweitweise dürfen sie keine neuen Synagogen errichten. Wenn sie eine Erlaubnis erhalten, müssen sie auf eigene Kosten ein Minarett daneben bauen, dass die Synagoge überragt, um die Überlegenheit des Islam zu demonstrieren. Mit dem allgemeinen Niedergang des osmanischen Reiches verarmt auch die jüdische Gemeinde Palästinas. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind etwa 10.000 der laut manchen Schätzungen rund 150 000 Bewohner Palästinas Juden. Sie müssen entrichten dem Pascha eine „Miete“, oder ein Bakschisch, von 300 englischen Pfund im Jahr, um an der Klagemauer beten zu dürfen.
26. Juli 2009
Jersusalem unter islamischer Herrschaft
Die Freude der Christen nach der Rückeroberung Jerusalems ist nicht von Dauer. Von ihrem Machtkampf ausgehöhlt, schmelzen Byzanz und Persien vor der neuen Macht, dem aus der arabischen Halbinsel ausbrechenden Islam, dahin. Im Jahr 638 fällt Jerusalem in die Hände des Khalifen Omar. Anfängliche Hoffnungen der Juden, dass nun der Tempel errichtet werden kann, machen die Muslime bald zunichte. Sie errichten mit dem Felsendom im Jahr 692 das älteste islamische Sakralbauwerk der Welt. Die später vergoldete Kuppel, fortan das Wahrzeichen Jerusalems, befindet sich genau über dem „Even Haschtiyah“, dem heiligen „Schöpfungsstein“, über dem sich einst das Allerheiligste befand. Die Weichen für einen Zusammenstoß von Judentum und Islam sind gestellt.
Doch wenigstens gestatten es die Muslime den Juden wieder, in der Stadt zu wohnen. Omar richtet ein Judenviertel ein und bringt 70 jüdische Familien aus Tiberias in die Stadt. Rabbiner ermuntern ihre Gemeinden nach Jerusalem zu pilgern. Es gilt sogar als Scheidungsgrund, wenn der Ehepartner sich weigert, mit nach Jerusalem zu pilgern. Den Juden Jerusalems scheint es zu gut zu gehen. Der muslimische Geschichtsschreiber al-Muqadassi beschwert sich im Jahr 985 darüber, dass Juden überall in Jerusalem die Oberhand haben. Selbst die Kreuzzüge, die bei der Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 Juden und Muslime niedermetzeln, unterbrechen die jüdische Präsenz nicht auf Dauer. Der Pilger Benjamin von Tudela beschreibt 70 Jahre nach dem Massaker der Kreuzritter wieder eine Gemeinde von 200 Juden in Jerusalem, die an der Klagemauer ihre Gebete verrichten.
Schon vor der spanischen Inquisition, die eine neue Einwandererwelle nach Jerusalem brachte, drängte es vereinzelte Juden immer wieder zu ihrer alten Hauptstadt. Der in Spanien lebende Poet Yehuda Halevi (1075-1141) fasste die Sehnsucht der Diaspora nach dem himmlischen Zion, ein biblischer Name Jerusalems, in Worte:„Wenn ich nur deinen Staub küssen könnte/dann könnte ich ruhig sterben/so süß wie Honig würden dann/meine Sehnsucht und Verlangen“. „So leicht es für mich ist die Annehmlichkeiten Spaniens zu verlassen, so teuer ist mir der Anblick der Asche des zerstörten Allerheiligsten“. Halevi steht zu seinem Wort. Als alter Mann reist er nach Ägypten und kommt wahrscheinlich in Palästina ums Leben. Tausend Jahr später wird 1966 der jüdische Nobelpreisträger Schmuel Josef Agnon bei seiner Dankesrede ähnliche Gefühle beschreiben:„Wegen einer historischen Katastrophe, der Zerstörung Jerusalems durch den römischen Kaiser … bin ich in einer der Städte der Diaspora geboren. Aber ich habe mich selbst immer als jemand betrachtet, der in Jerusalem geboren wurde.“
22. Juli 2009
Juden als Verbündete der Perser
Nur noch einmal werden Juden für kurze Zeit Herrscher in Jerusalem. Im siebten Jahrhundert wollen sie an Seite der Perser, die nach Jahrhunderten zum entscheidenden Schlag gegen Ostrom ausholen, ihr Heiligtum befreien. Die Stunde scheint günstig, Byzanz ist geschwächt. So tritt Persiens Herrscher Khosrau in einen Pakt mit den Juden und verspricht ihnen die Wiederherstellung ihres Tempels. Der Exilarch Nehemia Ben Huschiel, Nachkomme der davidischen Dynastie, stellt eine Streitmacht von 20.000 Juden auf, um an Seite Khosraus gegen Byzanz zu ziehen. Juden in Byzanz öffnen den Eroberern die Tore und empfangen sie als Befreier. Ihr Verhalten ist Resultat von Jahrhunderten römischer und frühchristlicher Diskriminierung.
Im Jahr 614 erobern die Juden endlich Jerusalem und herrschen hier drei Jahre lang. Sie sammeln Geld, um den Tempel zu errichten, und nutzen die Gelegenheit, um sich an den Christen zu rächen. Nach der Ermordung ihres Anführers Huschiels töten die jüdischen Soldaten zwischen 25000 und 90000 Christen. Die Grabeskirche wird schwer beschädigt, das heilige Kreuz von den Persern gestohlen. Juden ziehen durch Palästina und zerstören Klöster und Kirchen, Christen konvertierten zum Judentum, manche sogar freiwillig.
Doch als Heraklius im Jahr 630 nach dem Sieg über die Perser mit dem heiligen Kreuz in Jerusalem einzieht, bricht er, angestachelt von rachesüchtigen Priestern, sein Versprechen. Sie entlassen ihn im Vorhinein aus seinem Schwur und setzen vorsichtshalber einen Fasttag für ihn ein, damit er in Ruhe die Juden schlachten kann. Dieser Fasttag wird sich in der orthodoxen Kirche Jahrhunderte erhalten.
Doch Huschiels Feldzug endet wie die Versuche seiner Vorgänger. Im entscheidenden Augenblick wechseln die persischen Verbündeten die Seite. Nachdem die Juden ihm den Weg ans Mittelmeer bereitet haben, braucht Khosrau jetzt die Hilfe der byzantinischen Christen. Er will die Spaltung zwischen Orthodoxen und Monophysiten nutzen. Um deren Gunst zu gewinnen, bricht er seinen Bund mit den Juden und wirft sie aus Jerusalem. Verraten, wenden diese sich an den byzantinischen Herrscher Heraklius, der ihnen im Gegenzug für ihre Hilfe Amnestie verspricht.
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