Herodes gigantische Bauwerke machen Jerusalem laut Plinius dem Älteren zur „berühmtesten Stadt des Ostens“. An die 18.000 Bauarbeiter renovieren den zweiten Tempel, endlich wird sein Erscheinungsbild im Jahr 8 v. Chr. seiner spirituellen Bedeutung gerecht. Der Tempelbezirk ist um mehr als das Doppelte erweitert worden. Auf der Südseite steht nun eine 185 Meter lange, dreischiffige Basilika, die größte im römischen Reich, deren mittlere Halle etwa 30 Meter hoch und 15 Meter Breit ist. Doch der Tempel stellt selbst dieses Bauwerk in den Schatten, ragt er doch 45 Meter in die Höhe.
Im vielfarbig gepflasterten Innenhof umgibt eine Balustrade das Areal, zu dem nur Juden Zugang haben. Schilder, zwei von ihnen wurden inzwischen wieder gefunden, warnen in mehreren Sprachen:„Dass kein Fremder eintrete innerhalb der Schranken und Einfriedung des Heiligtums! Wer ergriffen wird, ist für den Tod, der darauf folgen wird, selbst verantwortlich“. Herodes Hoffnung, dass der gewaltige Tempelbau ihm Sympathie bringen könnte, scheint jedoch nicht groß zu sein. Bedrohlich überragt die Festung Antonia, nach seinem ersten römischen Gönner Antonius benannt, die Tempelgebäude. Das Gewand des Hohepriesters lässt er in der Antonia aufbewahren. So sollten keine Zweifel darüber entstehen, wer der politische und geistige Herrscher Jerusalems und der Juden ist.
Jerusalem, in der zu diesem Zeitpunkt etwa 70.000 Menschen wohnen, ist mit einem St. Moritz des Altertums vergleichbar: eine kosmopolitische Kleinstadt, in der alle Welt sich trifft. Drei Mal im Jahr pilgern Juden zu den Wallfahrtsfesten aus dem ganzen römischen Reich und darüber hinaus in die Stadt, Händler aus aller Welt im Tross. Der Tempel wird das gesellschaftliche und wirtschaftliche Herz Jerusalems, der Angelpunkt der Juden weltweit. Selbst die mächtige jüdische Gemeinde in Alexandria, die einen eigenen Tempel errichtet, bezeichnet Jerusalem als „den Nabel der Welt“. Schon in dieser Zeit richten Juden ihre Gebete gen Jerusalem. Dieser Brauch hat sich in der deutschen Sprache im Wort „Orientierung“ niedergeschlagen, suchten Juden doch den Orient, um sich ihrem Heiligtum zuzuwenden.







