Doch nach der großen Rebellion haben die Juden sich ihrem Schicksal als römische Untertanen noch nicht ergeben. Zweimal rebellieren sie gegen Rom. Ihr erster Aufstand in der Diaspora im Jahr 115-117 ist so gewaltig, dass er nur mit der völligen Auslöschung der jüdischen Gemeinden von Ägypten, Zyrene (Libyen) und Zypern beendet werden kann. Noch 100 Jahre später ist Zypern judenrein. Wenn ein Jude von einem Sturm an Land gespült wird, ist er des Todes.
Der Wunsch Kaiser Hadrians, auf dem heiligen Berg einen Zeustempel zu errichten, löst 132 den dritten Aufstand aus. Diesmal brauchen die Römer nicht vier sondern 10 Legionen, um ihn niederzuschlagen. Rom zieht Truppen aus Britannien, Gallien und den Donaugebieten zusammen, um der Juden Herr zu werden. Dabei wird die XXII. Legion so aufgerieben, dass sie aus den Listen der Armee verschwindet. Wurde im ersten Aufstand hauptsächlich Jerusalem zerstört, ist das Resultat des zweiten Aufstandes unter Bar Kochba völlige Vernichtung des ganzen Landes:„Nur ganz wenige von ihnen kamen mit dem Leben davon. Fünfzig ihrer wichtigsten Festungen und 985 der bedeutendsten Ansiedlungen wurden dem Erdboden gleich gemacht,“ schreibt der Geschichtsschreiber Cassius Dio und fährt fort:„Ferner fanden 580 000 Mann bei den einzelnen Angriffen und Schlachten den Tod; die Zahl der durch Hunger, Krankheit und Feuer zugrunde Gegangenen war nicht festzustellen. So wurde fast ganz Judäa zur Einöde […] Wölfe sowie Hyänen drangen heulend in ihre Städte ein.“
Erbeutete jüdische Sklaven sind im Überfluss zu haben, so dass sie im Markt von Terebinthe für die Futterration eines Pferdes zu haben sind. Doch sie hatten ihr Blut teuer verkauft:„Es mussten aber auch viele Römer in diesem Kriege sterben“, beklagt Dio. „Deshalb verwendete Hadrian in seinem Schreiben an den Senat nicht die bei den Kaisern übliche Einleitungsformel, nämlich: “Wenn ihr und euere Kinder gesund seid, dann ist es gut; ich und die Legionen fühlen uns gesund.”“ Es ist das einzige Mal, dass diese Formel ausgelassen wird.
Von nun an ist es den Juden verboten, Jerusalem zu betreten. Für eine Steuer ist es ihnen gestattet, den Tempelberg von weitem zu betrachten. Erst im 5. Jahrhundert wohnen Juden wieder in der Stadt. Wie vor ihm Titus siedelt auch Hadrian hier die X. Legion Fretensis an. Die Wahl könnte beabsichtigt gewesen sein: Ihr Abzeichen, das den Juden unreine Wildschwein, krönt von nun an die Gebäude und schändet ihre heilige Stadt. Hadrian ist entschlossen, jedes Andenken an das widerspenstige Judentum auszulöschen: Kartographen streichen den Namen Judäa und schreiben „Palästina“ an seiner statt, der Tempelberg wird zur Ruine, die in späteren Zeiten wahrscheinlich als Latrine benutzt wird. Das Beschneiden und das Lehren jüdischer Bräuche werden in Palästina verboten.
Nur einmal im Jahr, am 9. Av, dürfen Juden in die Stadt. An dem letzten Überbleibsel ihres Tempels, der westlichen Stützmauer des herodianischen Vorhofs, beklagen sie vor schadenfrohen Römern und später ebenso feindlich eingestellten Christen ihr Schicksal. So wird die westliche Stützmauer, die während des ersten Aufstands die Zerstörungswut der Römer überstand, stellvertretend für den zweiten Tempel zum heiligsten Ort des Judentums wird, in der westlichen Welt als „Klagemauer“ bekannt.
19. Juli 2009
Widerstand gegen Rom
15. Juli 2009
Jerusalem als Idee

Titusbogen Rom
Die Zerstörung nimmt den Juden zwar den politischen und physischen Mittelpunkt, doch Jerusalem kann man als Idee überall mit sich tragen. Im Nachhinein wird das Areal des Allerheiligsten zum wichtigsten Ort auf Erden, an dem sich die wichtigsten biblischen Begebenheiten abgespielt haben sollen. Hier soll der erste Mensch Adam begraben sein, Abraham fast seinen Sohn Isaak geopfert und Kain Abel erschlagen haben. Der Felsen unter dem Dvir heißt nun „Schöpfungsstein“, denn hier soll die Schöpfung begonnen haben. Er wird zur Schnittstelle zwischen Himmel und Erde.
Die Rabbiner führen Traditionen ein, um die Erinnerung an Jerusalem wach zu halten. In keinem Gebet wird Jerusalem ausgelassen, keine jüdische Hochzeit gilt als vollzogen, bis nicht der Bräutigam ein Glas zertritt, um an die Zerstörung des Tempels zu erinnern. Beim Wohnungsbau lassen Juden einen Teil unvollendet, um an Jerusalem zu erinnern. Das Festmahl zum Passahfest endet mit den Worten:„Im nächsten Jahr in Jerusalem“.
Manche Autoren, die Martin Goodman, sehen im römischen Krieg gegen die erste Rebellion 66-70 n. Chr. sogar den Ursprung des Antijudaismus. Fast nirgendwo, außer vielleicht in Karthago, dem langjährigen Rivalen des Imperiums, ist die Vernichtung so vollkommen wie in Judäa. Die Römer mögen Menschen in aller Welt unterworfen haben, vor den Göttern ihrer Untertanen haben die Abergläubischen Herrscher der Welt jedoch gehörigen Respekt. Vielen Gottheiten errichten die Römer in ihrer Hauptstadt sogar eigene Heiligtümer, oder lassen sie in ihren Tempeln ehren, schließlich will man übernatürliche Gewalten nicht gegen sich aufbringen. Selbst der Gott der Juden wird geehrt, spenden doch römische Kaiser Geld an den Tempel in Jerusalem, um in ihrem Namen Opfer bringen zu lassen.
Mit dem großen Aufstand findet diese Symbiose ein Ende. Goodman schreibt diese Entwicklung auch innenpolitischen Wirren zu. Vespasian und sein Sohn Titus, die den Aufstand der Juden niederschlagen, kommen am Ende eines blutigen Bürgerkrieges an die Macht. Sie vergießen viel römisches Blut, bevor sie den Thron besteigen können. Um nun ihren eigenen Anspruch und die grausame Machtergreifung zu rechtfertigen, erheben sie ihren Sieg gegen die Juden zu einem glorreichen Existenzkampf des Reiches. Die Juden werden gezwungenermaßen zum Sinnbild des Bösen, des anti-römischen stilisiert, um die Grausamkeit der Herrschaft Vespasians und Titus zu verteidigen.
Fortan erhalten Juden eine „Sonderbehandlung“. Ihr Tempel wird nicht nur zerstört, er ist auch einer der einzigen Heiligtümer im Reich, die die Römer nicht wieder errichten lassen. Ganz im Gegenteil wird die jüdische Tempelsteuer zweckentfremdet und nun als Zeichen der Unterdrückung an einen heidnischen Tempel in Rom abgeführt. Der Titusbogen in der Hauptstadt wird so nicht nur zum Symbol des Sieges eines römischen Generals, sondern auch Sinnbild des Beginns der Unterdrückung des jüdischen Volkes in der Diaspora. Noch rund 1800 Jahre später ist Rom die letzte Stadt im Westen, in der der Papst die Mauern des Ghettos wieder errichten lässt. Napoleon hatte sie im Rahmen der Ideale der französischen Revolution niederreißen lassen. Damit schloss sich ein historischer Kreis. Die Architekten von Napoleons Triumphbogen, dem Arc de Triomphe in Paris, wollen mit ihrem Bauwerk den Titusbogen kopieren. Im Gegensatz zu seinem Vorbild symbolisiert der Bogen in Paris jedoch den Beginn der Judenemanzipation.
12. Juli 2009
Die große Revolte
Die römische Fremdherrschaft wird jedoch beständig erdrückender, bis sich der jüdische Unmut im Jahr 66 unserer Zeitrechnung erneut in einer Revolte entlädt. Die Rache Roms ist verheerend. Vier Jahre lang wähnen sich die Aufständischen erfolgreich, so dass sie bereits beginnen, sich um die Pfründe zu streiten. Doch im Jahr 70 beginnt Titus mit 80.000 Soldaten die grausame Belagerung Jerusalems. Der Augenzeuge Josephus Flavius beschreibt eine fürchterlich Hungersnot, der 600.000 Menschen zum Opfer fallen:„Menschen aßen Gürtel und Schuhe, andere vergilbtes Gras“. Die grünen Hügel Judäas werden zur Mondlandschaft. Im Umkreis von 20 Kilometern werden alle Bäume gefällt. Titus Soldaten brauchen das Holz, um diejenigen zu kreuzigen, die vor dem Hunger in der Stadt fliehen. Dabei macht man sich einen Spaß daraus, die Opfer zur Demoralisierung der Verteidiger in möglichst grotesken Stellungen anzubinden.
Diesem entschlossenen Ansturm der römischen Kriegsmaschine hält Jerusalem nicht stand. Am 9. Tag des Mondmonats Av, dem Tag, an dem der Überlieferung nach zuvor auch der erste Tempel zerstört worden war, stecken die Römer den Tempel in Brand. Noch heute verdeutlichen die zu massiven Trümmerhaufen aufgetürmten Bausteine, die die Römer von der Umrandungsmauer des Tempels ins anliegende Tal stürzten, das Ausmaß und die Wut hinter der Zerstörung eines der größten Bauwerke der Antike. Nur die Autobus-großen Steine der westlichen Stützmauer des Tempelvorhofs halten dem Vernichtungswahn der Soldaten stand und bleiben so das einzige Überbleibsel des Tempels.
Fortan ist dieser Tag den Juden ein Trauer- und Fasttag. Für das Judentum bedeutet die Zerstörung des zweiten Tempels Katastrophe und Rettung zugleich. Das spröde, vererbte Priestertum der Saduzzäer wird ausgelöscht und von der pharisäischen, sich ständig erneuernden Meritokratie der Rabbiner ersetzt. Status ist nicht mehr erblich, sondern durch Lernen erworben. Juden werden vom Volk des Tempels zum Volk des Buches. Die Aufhebung der engen, lokalen Dimension macht Übertritte leichter, der Aufstand gegen die Römer imponiert vielen römischen Untertanen, so dass mancherorts ganze Gemeinden zum Judentum übertreten. Erst, als ein christliches Imperium jüdische Proselytenmacherei verbietet, endet diese Ausdehnung des Judentums.
3. Juli 2009
Rom in Jerusalem – wie Herodes an die Macht kommt
Rom will die strategisch wichtige Landbrücke zwischen Syrien und Ägypten nicht bloß beeinflussen, sondern beherrschen. Pompeius nutzt einen Bruderzwist im hasmonäischen Königshaus. Im Jahr 63 v. Chr. marschiert er als „Verbündeter“ eines der Amtsanwärter in Jerusalem ein und richtet ein fürchterliches Massaker an. Doch der römische Kandidat kann sich nicht halten. Der Krieg um die Thronfolge hat erst ein Ende, als der römische Senat den Idumäer Herodes zum König Judäas erklärt und dieser an der Spitze römischer Truppen im Jahr 37 v. Chr. erobert.
Die Hasmonäer mögen unbeliebt gewesen sein, Herodes jedoch war bei den Juden verhasst. Der Idumäer, dessen Volk erst wenige Jahrzehnte zuvor im Rahmen der hasmonäischen Feldzüge jüdisch wurde, wurde von vielen missbilligend als „Halbjude“ betrachtet. Dass er sich bei seiner von paranoider Grausamkeit gezeichneten Herrschaft auf römische Kurzschwerter stützte machte ihn nicht populärer. Um so mehr war er deswegen darum bemüht, sich durch den Aufbau Jerusalems und des Tempels als „wahrer Jude“ zu beweisen. Doch nicht nur bei den Juden will Herodes sich mit seiner Baukunst einschmeicheln, auch seinen römischen Gönnern widmet er große Bauprojekte. So entsteht die Stadt Cäsarea zu Ehren Kaiser Augustus. Sie wird Jaffa bald den Rang als wichtigste Hafenstadt Judäas ablaufen.







