Der widersprüchliche Christus

Wer die Evangelien aufmerksam liest, dem sollte auffallen, dass es hinsichtlich des Lebens und Wirkens Jesu zahlreiche Widersprüche gibt. Das mag daran liegen, dass viele Aspekte seiner Lebensgeschichte in sein Leben hineingedeutet wurden, um die Erfüllung heidnischer oder jüdischer  Prophezeiungen zu demonstrieren.

Jesu Abstammung aus dem Hause Davids ist zum Beispiel aus jüdischer Sicht eine zentrale Voraussetzung für Jesus Anspruch, Messias sein zu können. Genau wie aber Jesus von David abstammen soll, darüber sind sich die Evangelien nicht einig. Matthäus zählt 28 Generationen zwischen König David und Jesus, während Lukas auf 41 kommt. Dies ganz abgesehen vom Umstand, dass die angebliche Jungfrauengeburt Marias, die an heidnische Mythen anlehnt oder einem Übersetzungsfehler entspringt, die Abstammung von Jesu Vater Josef ja eigentlich irrelevant macht. Matthäus, Lukas und Markus (15, 33-34) beschreiben, wie  «nach der sechsten Stunde eine Finsternis über das ganze Land ward bis um die neunte Stunde. Und um die neunte Stunde rief Jesus laut und sprach: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Dies ist nichts anderes als die Erfüllung der Vision des Propheten Amos und ein Zitat von Psalm 22, 2″Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? ich heule; aber meine Hilfe ist ferne.” Diese Worte und Umstände wurden Jesus wahrscheinlich post-mortem von seinen Jüngern in den Mund gelegt um seinen Messias-Status zu rechtfertigen.

Wie schon vor einer Woche erwähnt, nehmen manche das zum Anlass, um Jesus Existenz per se in Frage zu stellen. Wenn man als kritischer Leser zwar viele Erzählungen der Evangelien bezweifeln darf, scheint es doch genug Anhaltspunkte dafür zu geben, dass es Jesus trotz aller Skepsis tatsächlich gegeben hat.

Für diesen Rabbiner Jesus von Nazareth spielte Jerusalem, Standort des herodianischen Tempels, eine zentrale Rolle.

Die Stadt wird in den Evangelien 154 Mal erwähnt. Heute wird die Bedeutung der Stadt für Christen schon allein daraus ersichtlich, dass mindestens 40 verschiedene Kirchen in der Stadt vertreten sind. Sie ist der Nabel der christlichen Welt. Das «Vaterunser» in der Pater Noster-Kirche auf dem Ölberg verdeutlicht dies auf ganz eigene Art. Auf armenischen Kacheln kann man das Gebet in 70 Sprachen lesen, sogar auf Plattdeutsch und in der Blindenschrift Braille.




Juden als Verbündete der Perser

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Nur noch einmal werden Juden für kurze Zeit Herrscher in Jerusalem. Im siebten Jahrhundert wollen sie an Seite der Perser, die nach Jahrhunderten zum entscheidenden Schlag gegen Ostrom ausholen, ihr Heiligtum befreien. Die Stunde scheint günstig, Byzanz ist geschwächt. So tritt Persiens Herrscher Khosrau in einen Pakt mit den Juden und verspricht ihnen die Wiederherstellung ihres Tempels. Der Exilarch Nehemia Ben Huschiel, Nachkomme der davidischen Dynastie, stellt eine Streitmacht von 20.000 Juden auf, um an Seite Khosraus gegen Byzanz zu ziehen. Juden in Byzanz öffnen den Eroberern die Tore und empfangen sie als Befreier. Ihr Verhalten ist Resultat von Jahrhunderten römischer und frühchristlicher Diskriminierung.

Im Jahr 614 erobern die Juden endlich Jerusalem und herrschen hier drei Jahre lang. Sie sammeln Geld, um den Tempel zu errichten, und nutzen die Gelegenheit, um sich an den Christen zu rächen. Nach der Ermordung ihres Anführers Huschiels töten die jüdischen Soldaten zwischen 25000 und 90000 Christen. Die Grabeskirche wird schwer beschädigt, das heilige Kreuz von den Persern gestohlen. Juden ziehen durch Palästina und zerstören Klöster und Kirchen, Christen konvertierten zum Judentum, manche sogar freiwillig.

Doch als Heraklius im Jahr 630 nach dem Sieg über die Perser mit dem heiligen Kreuz in Jerusalem einzieht, bricht er, angestachelt von rachesüchtigen Priestern, sein Versprechen. Sie entlassen ihn im Vorhinein aus seinem Schwur und setzen vorsichtshalber einen Fasttag für ihn ein, damit er in Ruhe die Juden schlachten kann. Dieser Fasttag wird sich in der orthodoxen Kirche Jahrhunderte erhalten.

Doch Huschiels Feldzug endet wie die Versuche seiner Vorgänger. Im entscheidenden Augenblick wechseln die persischen Verbündeten die Seite. Nachdem die Juden ihm den Weg ans Mittelmeer bereitet haben, braucht Khosrau jetzt die Hilfe der byzantinischen Christen. Er will die Spaltung zwischen Orthodoxen und Monophysiten nutzen. Um deren Gunst zu gewinnen, bricht er seinen Bund mit den Juden und wirft sie aus Jerusalem. Verraten, wenden diese sich an den byzantinischen Herrscher Heraklius, der ihnen im Gegenzug für ihre Hilfe Amnestie verspricht.




Widerstand gegen Rom

Doch nach der großen Rebellion haben die Juden sich ihrem Schicksal als römische Untertanen noch nicht ergeben. Zweimal rebellieren sie gegen Rom. Ihr erster Aufstand in der Diaspora im Jahr 115-117 ist so gewaltig, dass er nur mit der völligen Auslöschung der jüdischen Gemeinden von Ägypten, Zyrene (Libyen) und Zypern beendet werden kann. Noch 100 Jahre später ist Zypern judenrein. Wenn ein Jude von einem Sturm an Land gespült wird, ist er des Todes.
Der Wunsch Kaiser Hadrians, auf dem heiligen Berg einen Zeustempel zu errichten, löst 132 den dritten Aufstand aus. Diesmal brauchen die Römer nicht vier sondern 10 Legionen, um ihn niederzuschlagen. Rom zieht Truppen aus Britannien, Gallien und den Donaugebieten zusammen, um der Juden Herr zu werden. Dabei wird die XXII. Legion so aufgerieben, dass sie aus den Listen der Armee verschwindet. Wurde im ersten Aufstand hauptsächlich Jerusalem zerstört, ist das Resultat des zweiten Aufstandes unter Bar Kochba völlige Vernichtung des ganzen Landes:„Nur ganz wenige von ihnen kamen mit dem Leben davon. Fünfzig ihrer wichtigsten Festungen und 985 der bedeutendsten Ansiedlungen wurden dem Erdboden gleich gemacht,“ schreibt der Geschichtsschreiber Cassius Dio und fährt fort:„Ferner fanden 580 000 Mann bei den einzelnen Angriffen und Schlachten den Tod; die Zahl der durch Hunger, Krankheit und Feuer zugrunde Gegangenen war nicht festzustellen. So wurde fast ganz Judäa zur Einöde […] Wölfe sowie Hyänen drangen heulend in ihre Städte ein.“
Erbeutete jüdische Sklaven sind im Überfluss zu haben, so dass sie im Markt von Terebinthe für die Futterration eines Pferdes zu haben sind. Doch sie hatten ihr Blut teuer verkauft:„Es mussten aber auch viele Römer in diesem Kriege sterben“, beklagt Dio. „Deshalb verwendete Hadrian in seinem Schreiben an den Senat nicht die bei den Kaisern übliche Einleitungsformel, nämlich: “Wenn ihr und euere Kinder gesund seid, dann ist es gut; ich und die Legionen fühlen uns gesund.”“ Es ist das einzige Mal, dass diese Formel ausgelassen wird.
Von nun an ist es den Juden verboten, Jerusalem zu betreten. Für eine Steuer ist es ihnen gestattet, den Tempelberg von weitem zu betrachten. Erst im 5. Jahrhundert wohnen Juden wieder in der Stadt. Wie vor ihm Titus siedelt auch Hadrian hier die X. Legion Fretensis an. Die Wahl könnte beabsichtigt gewesen sein: Ihr Abzeichen, das den Juden unreine Wildschwein, krönt von nun an die Gebäude und schändet ihre heilige Stadt. Hadrian ist entschlossen, jedes Andenken an das widerspenstige Judentum auszulöschen: Kartographen streichen den Namen Judäa und schreiben „Palästina“ an seiner statt, der Tempelberg wird zur Ruine, die in späteren Zeiten wahrscheinlich als Latrine benutzt wird. Das Beschneiden und das Lehren jüdischer Bräuche werden in Palästina verboten.
Nur einmal im Jahr, am 9. Av, dürfen Juden in die Stadt. An dem letzten Überbleibsel ihres Tempels, der westlichen Stützmauer des herodianischen Vorhofs, beklagen sie vor schadenfrohen Römern und später ebenso feindlich eingestellten Christen ihr Schicksal. So wird die westliche Stützmauer, die während des ersten Aufstands die Zerstörungswut der Römer überstand, stellvertretend für den zweiten Tempel zum heiligsten Ort des Judentums wird, in der westlichen Welt als „Klagemauer“ bekannt.




Jerusalem als Idee

Titusbogen Rom

Titusbogen Rom

Die Zerstörung nimmt den Juden zwar den politischen und physischen Mittelpunkt, doch Jerusalem kann man als Idee überall mit sich tragen. Im Nachhinein wird das Areal des Allerheiligsten zum wichtigsten Ort auf Erden, an dem sich die wichtigsten biblischen Begebenheiten abgespielt haben sollen. Hier soll der erste Mensch Adam begraben sein, Abraham fast seinen Sohn Isaak geopfert und Kain Abel erschlagen haben. Der Felsen unter dem Dvir heißt nun „Schöpfungsstein“, denn hier soll die Schöpfung begonnen haben. Er wird zur Schnittstelle zwischen Himmel und Erde.
Die Rabbiner führen Traditionen ein, um die Erinnerung an Jerusalem wach zu halten. In keinem Gebet wird Jerusalem ausgelassen, keine jüdische Hochzeit gilt als vollzogen, bis nicht der Bräutigam ein Glas zertritt, um an die Zerstörung des Tempels zu erinnern. Beim Wohnungsbau lassen Juden einen Teil unvollendet, um an Jerusalem zu erinnern. Das Festmahl zum Passahfest endet mit den Worten:„Im nächsten Jahr in Jerusalem“.

Manche Autoren, die Martin Goodman, sehen im römischen Krieg gegen die erste Rebellion 66-70 n. Chr. sogar den Ursprung des Antijudaismus. Fast nirgendwo, außer vielleicht in Karthago, dem langjährigen Rivalen des Imperiums, ist die Vernichtung so vollkommen wie in Judäa. Die Römer mögen Menschen in aller Welt unterworfen haben, vor den Göttern ihrer Untertanen haben die Abergläubischen Herrscher der Welt jedoch gehörigen Respekt. Vielen Gottheiten errichten die Römer in ihrer Hauptstadt sogar eigene Heiligtümer, oder lassen sie in ihren Tempeln ehren, schließlich will man übernatürliche Gewalten nicht gegen sich aufbringen. Selbst der Gott der Juden wird geehrt, spenden doch römische Kaiser Geld an den Tempel in Jerusalem, um in ihrem Namen Opfer bringen zu lassen.
Mit dem großen Aufstand findet diese Symbiose ein Ende. Goodman schreibt diese Entwicklung auch innenpolitischen Wirren zu. Vespasian und sein Sohn Titus, die den Aufstand der Juden niederschlagen, kommen am Ende eines blutigen Bürgerkrieges an die Macht. Sie vergießen viel römisches Blut, bevor sie den Thron besteigen können. Um nun ihren eigenen Anspruch und die grausame Machtergreifung zu rechtfertigen, erheben sie ihren Sieg gegen die Juden zu einem glorreichen Existenzkampf des Reiches. Die Juden werden gezwungenermaßen zum Sinnbild des Bösen, des anti-römischen stilisiert, um die Grausamkeit der Herrschaft Vespasians und Titus zu verteidigen.

Fortan erhalten Juden eine „Sonderbehandlung“. Ihr Tempel wird nicht nur zerstört, er ist auch einer der einzigen Heiligtümer im Reich, die die Römer nicht wieder errichten lassen. Ganz im Gegenteil wird die jüdische Tempelsteuer zweckentfremdet und nun als Zeichen der Unterdrückung an einen heidnischen Tempel in Rom abgeführt. Der Titusbogen in der Hauptstadt wird so nicht nur zum Symbol des Sieges eines römischen Generals, sondern auch Sinnbild des Beginns der Unterdrückung des jüdischen Volkes in der Diaspora. Noch rund 1800 Jahre später ist Rom die letzte Stadt im Westen, in der der Papst die Mauern des Ghettos wieder errichten lässt. Napoleon hatte sie im Rahmen der Ideale der französischen Revolution niederreißen lassen. Damit schloss sich ein historischer Kreis. Die Architekten von Napoleons Triumphbogen, dem Arc de Triomphe in Paris, wollen mit ihrem Bauwerk den Titusbogen kopieren. Im Gegensatz zu seinem Vorbild symbolisiert der Bogen in Paris jedoch den Beginn der Judenemanzipation.


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Die große Revolte

Die römische Fremdherrschaft wird jedoch beständig erdrückender, bis sich der jüdische Unmut im Jahr 66 unserer Zeitrechnung erneut in einer Revolte entlädt. Die Rache Roms ist verheerend. Vier Jahre lang wähnen sich die Aufständischen erfolgreich, so dass sie bereits beginnen, sich um die Pfründe zu streiten. Doch im Jahr 70 beginnt Titus mit 80.000 Soldaten die grausame Belagerung Jerusalems. Der Augenzeuge Josephus Flavius beschreibt eine fürchterlich Hungersnot, der 600.000 Menschen zum Opfer fallen:„Menschen aßen Gürtel und Schuhe, andere vergilbtes Gras“. Die grünen Hügel Judäas werden zur Mondlandschaft. Im Umkreis von 20 Kilometern werden alle Bäume gefällt. Titus Soldaten brauchen das Holz, um diejenigen zu kreuzigen, die vor dem Hunger in der Stadt fliehen. Dabei macht man sich einen Spaß daraus, die Opfer zur Demoralisierung der Verteidiger in möglichst grotesken Stellungen anzubinden.
Diesem entschlossenen Ansturm der römischen Kriegsmaschine hält Jerusalem nicht stand. Am 9. Tag des Mondmonats Av, dem Tag, an dem der Überlieferung nach zuvor auch der erste Tempel zerstört worden war, stecken die Römer den Tempel in Brand. Noch heute verdeutlichen die zu massiven Trümmerhaufen aufgetürmten Bausteine, die die Römer von der Umrandungsmauer des Tempels ins anliegende Tal stürzten, das Ausmaß und die Wut hinter der Zerstörung eines der größten Bauwerke der Antike. Nur die Autobus-großen Steine der westlichen Stützmauer des Tempelvorhofs halten dem Vernichtungswahn der Soldaten stand und bleiben so das einzige Überbleibsel des Tempels.
Fortan ist dieser Tag den Juden ein Trauer- und Fasttag. Für das Judentum bedeutet die Zerstörung des zweiten Tempels Katastrophe und Rettung zugleich. Das spröde, vererbte Priestertum der Saduzzäer wird ausgelöscht und von der pharisäischen, sich ständig erneuernden Meritokratie der Rabbiner ersetzt. Status ist nicht mehr erblich, sondern durch Lernen erworben. Juden werden vom Volk des Tempels zum Volk des Buches. Die Aufhebung der engen, lokalen Dimension macht Übertritte leichter, der Aufstand gegen die Römer imponiert vielen römischen Untertanen, so dass mancherorts ganze Gemeinden zum Judentum übertreten. Erst, als ein christliches Imperium jüdische Proselytenmacherei verbietet, endet diese Ausdehnung des Judentums.


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