Normalerweise schießen die Amerikaner den Vogel ab. Dabei ist es sehr schwer, sich bei den Karfreitagsprozessionen auf der Via Dolorosa, dem vermeintlichen Weg, den Jesus vor seiner Kreuzigung zurücklegte, hervorzutun. Zehntausende christliche Pilger aus aller Welt strömen jedes Jahr zu Ostern nach Jerusalem, um die vierzehn Stationen des Leidenswegs Jesus abzuschreiten. Hier singen bunt gekleidete Nigerianer fröhlich Hymnen, dort schreitet eine Gruppe ernster Spanier, die hölzerne Kreuze mit sich tragen und sich von den aggressiv werbenden arabischen Händlern belästigt fühlen. An der fünften Station, tief im muslimischen Viertel, soll Simon von Cyrene Jesus geholfen haben, das Kreuz zu tragen. Ergriffen starren die Pilger auf einen blanken Stein, an dem der Heiland sich festgehalten haben soll. Die Amerikaner inszenieren sich jedoch immer wieder am aufwendigsten: sie stellen die Passion mit viel Filmblut und peitschenden Legionären nach, die einen halbnackten Jesus durch die Gassen treiben.
Mitten in den engen Gassen, deren Pflastersteine seit Jahrhunderten von hunderttausenden Pilgerfüßen glänzend glatt poliert wurden, trennen moderne stählerne Barrieren die Pilgerströme von den anderen Bewohnern Jerusalems. Dicht an dicht folgen zehntausende Araber der Stimme des Muezzins, die aus den mannshohen Lautsprechern am Tempelberg hallt. Auf Arabisch ruft er die Muslime zum Freitagsgebet in der Al-Aqsa Moschee, dem drittheiligsten Ort des Islams. Direkt daneben markiert der Felsendom den Ort, von dem aus Muhammad laut muslimischer Überlieferung in den Himmel aufstieg.
Für Juden hat der Standort des Felsendoms eine andere Bedeutung. Vor zweitausend Jahren befand sich genau hier das Allerheiligste ihres Tempels. Und so eilen auf der anderen Seite der Barrieren orthodoxe Juden mit schwarzen Käppchen oder Siedler mit ihren gehäkelten Käppchen zur Klagemauer, dem letzten Überbleibsel der gewaltigen Tempelanlage, die sich genau unterhalb der Al-Aqsa befindet. Um den Hals die Maschinenpistole, Hals und Oberkörper mit einer schusssicheren Weste geschützt, wachen mehr als 2500 israelische Polizisten über diese kunterbunte Menschenmenge von Pilgern, Händlern, Gläubigen, Schaulustigen und Fanatikern.
Jerusalem wird jedoch von diesem heiligen Durcheinander immer mehr zum Casus Belli des nächsten Nahostkrieges. Geschickt mischen fanatische Führer auf beiden Seiten Geschichte und die Mythen, die an den alten Steinen haften. Sie stellen aus Religion und Geographie eine explosive Mischung her. Nachdem Israel den geplanten Bau weiterer Siedlungen im arabischen Ostteil Jerusalems verkündete, kommt es in der Stadt immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Jugendlichen und der Polizei. Die Anzahl gewaltsamer Zwischenfälle ist von 3 im Februar auf 27 im März gestiegen. Längst fliegen nicht mehr nur Steine, sondern auch Brandsätze auf Siedler, einmal schossen Palästinenser auf einen jüdischen Wächter.
Extremisten machen sich den wachsenden Unmut und das Misstrauen zunutze. Eine jüdische Gruppe plant eine groß angelegte Werbekampagne für die Wiedererrichtung des jüdischen Tempels. Eine Fotomontage, die auf Bussen der Öffentlichkeit gezeigt werden soll, zeigt den Tempelberg ohne die al Aqsa und den Felsendom. An ihrer statt erhebt sich das eckige Tempelgebäude. Dies sei „eine legitime Kampagne, die den Arabern eine Botschaft übermitteln soll“, sagt Baruch Marsel, einer der Führer der „Unser Land Israel“-Bewegung. Die islamische Bewegung in Israel reagierte bereits auf die geplante Provokation: Sie war maßgeblich an der Organisation der gewaltsamen Demonstrationen beteiligt.
Längst beschäftigt der Kampf um Jerusalem nicht mehr nur lokale Fanatiker, die immer mehr Menschen in ihren Bann ziehen. Jerusalem ist in der nahöstlichen Politik der stärkste Sammelruf, der alle Beteiligten des eigenen Lagers zur Fahne eilen lässt. So riskiert Israels Premierminister Benjamin Netanjahu eine tiefe Krise zu den USA, weil er behaupten kann, Israels „ewige, unteilbare Hauptstadt“ zu verteidigen. Die arabische Liga konnte sich auf ihrem letzten Gipfel auf nichts einigen, außer darauf, Israel für den Siedlungsbau zu verurteilen. Ferner versprach sie den Palästinensern 500 Million US Dollar, um den „arabischen Charakter Jerusalems zu erhalten.“
Fanatiker auf beiden Seiten nutzen die Symbolkraft Jerusalems, um die Stimmung immer weiter anzuheizen: „Die Israelis wollen die al Aqsa Moschee zerstören“, behauptete unlängst der Führer der libanesischen Hisbollahmiliz Hassan Nasrallah. Er forderte die Palästinenser zum bewaffneten Widerstand auf, in der Hoffnung, dass in den Gassen der Altstadt bald nicht mehr nur Filmblut fließt.







Einen internationalen Krisenherd stellt man sich anders vor. Für den Zankapfel, der in den vergangenen Wochen die „schwerste Krise in den Beziehungen zwischen Israel und den USA seit Jahrzehnten“ heraufbeschwört hat, ist Ramat Schlomo erstaunlich langweilig. Ramat Schlomo ist ein typischer Vorort, wie man ihn an den Rändern israelischer Großstädte findet: terrassierte Mehrfamilienhäuser, die in der grellen Mittagssonne weiß glänzen, ziehen sich entlang breiter Straßen, die die Namen berühmter Rabbiner tragen. Im grünen Park am Rand der Siedlung genießen die fröhlich kreischenden Kinder der rund 20.000 orthodoxen jüdischen Einwohner ihre Osterferien. Ramat Schlomo mag in Osten und Norden direkt an palästinensische Stadtteile Jerusalems stoßen, trotzdem fühlt man sich hier sicher.






