Fanatiker wollen ein anderes Ostern

Normalerweise schießen die Amerikaner den Vogel ab. Dabei ist es sehr schwer, sich bei den Karfreitagsprozessionen auf der Via Dolorosa, dem vermeintlichen Weg, den Jesus vor seiner Kreuzigung zurücklegte, hervorzutun. Zehntausende christliche Pilger aus aller Welt strömen jedes Jahr zu Ostern nach Jerusalem, um die vierzehn Stationen des Leidenswegs Jesus abzuschreiten. Hier singen bunt gekleidete Nigerianer fröhlich Hymnen, dort schreitet eine Gruppe ernster Spanier, die hölzerne Kreuze mit sich tragen und sich von den aggressiv werbenden arabischen Händlern belästigt fühlen. An der fünften Station, tief im muslimischen Viertel, soll Simon von Cyrene Jesus geholfen haben, das Kreuz zu tragen. Ergriffen starren die Pilger auf einen blanken Stein, an dem der Heiland sich festgehalten haben soll. Die Amerikaner inszenieren sich jedoch immer wieder am aufwendigsten: sie stellen die Passion mit viel Filmblut und peitschenden Legionären nach, die einen halbnackten Jesus durch die Gassen treiben.

Mitten in den engen Gassen, deren Pflastersteine seit Jahrhunderten von hunderttausenden Pilgerfüßen glänzend glatt poliert wurden, trennen moderne stählerne Barrieren die Pilgerströme von den anderen Bewohnern Jerusalems. Dicht an dicht folgen zehntausende Araber der Stimme des Muezzins, die aus den mannshohen Lautsprechern am Tempelberg hallt. Auf Arabisch ruft er die Muslime zum Freitagsgebet in der Al-Aqsa Moschee, dem drittheiligsten Ort des Islams. Direkt daneben markiert der Felsendom den Ort, von dem aus Muhammad laut muslimischer Überlieferung in den Himmel aufstieg.

Für Juden hat der Standort des Felsendoms eine andere Bedeutung. Vor zweitausend Jahren befand sich genau hier das Allerheiligste ihres Tempels. Und so eilen auf der anderen Seite der Barrieren orthodoxe Juden mit schwarzen Käppchen oder Siedler mit ihren gehäkelten Käppchen zur Klagemauer, dem letzten Überbleibsel der gewaltigen Tempelanlage, die sich genau unterhalb der Al-Aqsa befindet. Um den Hals die Maschinenpistole, Hals und Oberkörper mit einer schusssicheren Weste geschützt, wachen mehr als 2500 israelische Polizisten über diese kunterbunte Menschenmenge von Pilgern, Händlern, Gläubigen, Schaulustigen und Fanatikern.

Jerusalem wird jedoch von diesem heiligen Durcheinander immer mehr zum Casus Belli des nächsten Nahostkrieges. Geschickt mischen fanatische Führer auf beiden Seiten Geschichte und die Mythen, die an den alten Steinen haften. Sie stellen aus Religion und Geographie eine explosive Mischung her. Nachdem Israel den geplanten Bau weiterer Siedlungen im arabischen Ostteil Jerusalems verkündete, kommt es in der Stadt immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Jugendlichen und der Polizei. Die Anzahl gewaltsamer Zwischenfälle ist von 3 im Februar auf 27 im März gestiegen. Längst fliegen nicht mehr nur Steine, sondern auch Brandsätze auf Siedler, einmal schossen Palästinenser auf einen jüdischen Wächter.

Extremisten machen sich den wachsenden Unmut und das Misstrauen zunutze. Eine jüdische Gruppe plant eine groß angelegte Werbekampagne für die Wiedererrichtung des jüdischen Tempels. Eine Fotomontage, die auf Bussen der Öffentlichkeit gezeigt werden soll, zeigt den Tempelberg ohne die al Aqsa und den Felsendom. An ihrer statt erhebt sich das eckige Tempelgebäude. Dies sei „eine legitime Kampagne, die den Arabern eine Botschaft übermitteln soll“, sagt Baruch Marsel, einer der Führer der „Unser Land Israel“-Bewegung. Die islamische Bewegung in Israel reagierte bereits auf die geplante Provokation: Sie war maßgeblich an der Organisation der gewaltsamen Demonstrationen beteiligt.

Längst beschäftigt der Kampf um Jerusalem nicht mehr nur lokale Fanatiker, die immer mehr Menschen in ihren Bann ziehen. Jerusalem ist in der nahöstlichen Politik der stärkste Sammelruf, der alle Beteiligten des eigenen Lagers zur Fahne eilen lässt. So riskiert Israels Premierminister Benjamin Netanjahu eine tiefe Krise zu den USA, weil er behaupten kann, Israels „ewige, unteilbare Hauptstadt“ zu verteidigen. Die arabische Liga konnte sich auf ihrem letzten Gipfel auf nichts einigen, außer darauf, Israel für den Siedlungsbau zu verurteilen. Ferner versprach sie den Palästinensern 500 Million US Dollar, um den „arabischen Charakter Jerusalems zu erhalten.“

Fanatiker auf beiden Seiten nutzen die Symbolkraft Jerusalems, um die Stimmung immer weiter anzuheizen: „Die Israelis wollen die al Aqsa Moschee zerstören“, behauptete unlängst der Führer der libanesischen Hisbollahmiliz Hassan Nasrallah. Er forderte die Palästinenser zum bewaffneten Widerstand auf, in der Hoffnung, dass in den Gassen der Altstadt bald nicht mehr nur Filmblut fließt.


Abgelegt unter: Allgemein — gilyaron @ 16:13 Kommentare (0)


Wieder da - Besuch im Krisenherd

So, endlich ist meine Vortragsreise vorbei, und ich kann mich wieder ins Krisengebiet Nahost stürzen. Als erstes fuhr ich natürlich nach Ramat Schlomo, dem Zankapfel in der neuen Krise zwischen Israel und den USA. Hier das Ergebnis:

park-in-ramat-shlomoEinen internationalen Krisenherd stellt man sich anders vor. Für den Zankapfel, der in den vergangenen Wochen die „schwerste Krise in den Beziehungen zwischen Israel und den USA seit Jahrzehnten“ heraufbeschwört hat, ist Ramat Schlomo erstaunlich langweilig. Ramat Schlomo ist ein typischer Vorort, wie man ihn an den Rändern israelischer Großstädte findet: terrassierte Mehrfamilienhäuser, die in der grellen Mittagssonne weiß glänzen, ziehen sich entlang breiter Straßen, die die Namen berühmter Rabbiner tragen. Im grünen Park am Rand der Siedlung genießen die fröhlich kreischenden Kinder der rund 20.000 orthodoxen jüdischen Einwohner ihre Osterferien. Ramat Schlomo mag in Osten und Norden direkt an palästinensische Stadtteile Jerusalems stoßen, trotzdem fühlt man sich hier sicher.

Der 17 Jahre alte Hinon Debuton wartet am Parkplatz am Nordrand von Ramat Schlomo auf Kundschaft. Für 10 Euro wäscht er Autos. Er trägt das schwarze Käppchen und das weiße Hemd der Ultra-Orthodoxen, aber die englische Musik, die aus seinem i-Phone plärrt, und die Zigarette in seiner Hand zeigen an, dass er es mit der Religion nicht so ernst nimmt. Die anderen Kinder nennen Jugendliche wie ihn „Schababniks“. Das Wort ist eine Mischung des arabischen Wortes „Schabab“ für die Jugendliche, die sich Straßengefechte mit Soldaten liefern, mit einer Jiddischen Endung. In Ramat Schlomo sind Schababniks Jugendliche, die lieber in den Straßen herumlungern als heilige Texte zu studieren. Debuton spricht von Rangeleien mit den arabischen Nachbarn. Samstags suchen die Schababniks am Olivenhain neben dem Parkplatz ein wenig Abwechslung: „Wir treffen uns hier gegen halb zwei“, sagt Hinon. Auf der anderen Seite des Hains warten schon arabische Kinder aus Schoafat, das rund 150 Meter weiter nördlich, jenseits des Hains liegt. „Wir werfen aufeinander Steine, bis die Polizei kommt.“

Hinon Debuton (Mitte) mit seinen Freunden. Jeden Samstag Steine werfen.

Hinon Debuton (Mitte) mit seinen Freunden. Jeden Samstag Steine werfen.

Von brutaler Gewalt soll keine Rede sein. „Kinderspiele“, sagt Ilan Levy, der anlässlich des nahenden Passahfestes in der Toraschule „Mischkan Zion“ direkt neben dem Parkplatz ein besonderes Hilfswerk leitet. „Noch nie wurde bei uns eine Fensterscheibe eingeworfen, obwohl wir direkt an Schuafat grenzen. Den Jugendlichen ist einfach langweilig.“ Statt Schülern stehen im Hof der Toraschule halbgeöffnete Kartons mit Getränken und Lebensmitteln herum, es ist eine Mischung von Aldi und Heilsarmee. Die Rabbiner von Ramat Schlomo haben Coupons an die Bewohner ihres Stadtteils verteilt. Die kinderreichen, sozial schwachen Familien bekommen hier für das Fest einen Warenkorb im Wert von 300 € geschenkt, Besserverdienende erhalten Rabatt. Solidarität wird in Ramat Schlomo groß geschrieben.

Palästinenser, die USA, und der Rest der Welt betrachten Ramat Schlomo als Siedlung, schließlich wurde der Hügel von den Israelis 1967 im Sechs-Tage Krieg von den Jordaniern erobert und in Jerusalem eingemeindet. Die Annektierung von Gebieten, die sich jenseits der grünen Linie, der Waffenstillstandslinie vor dem Krieg, befinden, wurde niemals anerkannt. Das kümmert in Ramat Schlomo keinen: „Jeder, der die Bibel gelesen hat, weiß, dass Jerusalem uns gehört“, sagt der Gemüsehändler Ilan Baruch. Die meisten Israelis sind Baruchs Meinung. Für sie ist Ramat Schlomo nur ein Stadtteil Jerusalems, der „ewigen, unteilbaren Hauptstadt“, so Premier Benjamin Netanjahu. Kaum ein Israeli bezeichnet Ramat Schlomo als Siedlung. Niemand würde dieses jüdische Stadtviertel, das sich etwa 10 Autominuten vom Stadtzentrum Jerusalems befindet, im Rahmen eines Friedensvertrags mit den Palästinensern räumen. Wohnraum ist hier inzwischen knapp geworden: Orthodoxe haben im Durchschnitt 7,7 Kinder pro Haushalt, längst reichen die Wohnung nicht mehr aus. Alle sind sich sicher, dass schon bald neue Häuser hier errichtet werden müssen. Die Bauarbeiten am Abhang scheinen ihnen Recht zu geben.

Strategisch Wohnen: Ausblick auf Ramallah von Ramat Schlomo

Strategisch Wohnen: Ausblick auf Ramallah von Ramat Schlomo

Nicht nur das rechte Spektrum bezeichnet die Idee einer Teilung Jerusalems entlang der grünen Linie wie der Parlamentssprecher Reuben Rivling, der Netanjahus Likud Partei angehört, als „rote Linie, die nicht überschritten werden darf“. Selbst Netanjahus wichtigste Rivalin, die Oppositionsführerin Tzippi Livni, würde Orte wie Ramat Schlomo nicht aufgeben. Als Außenministerin verhandelte sie mehr als ein Jahr mit den Palästinensern, die Teilung Jerusalems blieb Tabu. Das Programm ihrer Kadima Partei spricht von territorialen Zugeständnissen an die Palästinenser. Orte, die „die Sicherheit Israels garantieren, oder die einen Bedeutung für die jüdische Religion oder Nation haben“, will Kadima aber behalten – allen voran „das vereinte Jerusalem, die Hauptstadt Israels“.

Der Widerstand gegen eine Teilung Jerusalems nimmt mit der Entfernung von der Klagemauer in der Altstadt Jerusalems ab. Die mehr als 2000 Jahre alte Klagemauer gilt Juden nicht nur als der heiligste Ort auf Erden, für jüdische Israelis ist sie zum Nationalsymbol geworden. Sie versinnbildlicht die Heimkehr ihres Volkes nach 2000 Jahren Exil. Mehr als 90% der Israelis wollen im Rahmen eines Friedensvertrags nicht auf die Klagemauer verzichten, obschon sie sich jenseits der grünen Linie und damit im arabischen Ostjerusalem befindet. Netanjahu bezeichnet die Klagemauer als „den Grundstein unserer Existenz“. Doch je weiter man sich von der Altstadt Jerusalems und ihrer religiösen Bedeutung entfernt, desto kompromissbereiter werden die Israelis.

Zwar will auch die israelische Linke Jerusalem nicht teilen. Doch zieht jeder andere Grenzen. Nach dem Sechs Tage Krieg dehnte Israel die Stadtgrenzen Jerusalems aus: Gebiete von 28 anliegenden arabischen Ortschaften wurden eingemeindet. Die Stadt erstreckt sich nun über 126 Quadratkilometer. Während die extreme israelische Rechte auch die arabischen Stadtviertel mit ihren 250.000 Einwohnern behalten will, sind laut Umfragen rund 65% der Israelis bereit, rein arabische Stadtviertel aufzugeben: „Was soll ich mit Stadtteilen wie Schuafat anfangen, da geh ich doch sowieso nicht hin“, sagt Ilan Baruch. Hunderte Israelis demonstrieren jeden Freitag im arabischen Ostjerusalemer Stadtteil Scheich Jarrah gegen die Präsenz israelischer Siedler. Der Bau von Wohnungen in bereits existierenden, ausschließlich jüdischen Stadtteilen jenseits der grünen Linie ruft in Israel jedoch keinen Widerstand hervor. Kaum jemand bezeichnet die rund 250.000 Israelis, die in Ostjerusalem wohnen, als Siedler.

Ilan Baruch

Ilan Baruch

Auch Sicherheitsbedenken motivieren die Rhetorik vom „vereinten Jerusalem“. Den Stadtgrenzen lag strategisches Kalkül zugrunde: „Auf dem Hügel, auf dem sich heute Ramat Schlomo befindet, standen 1967 jordanische Mörser, die die Innenstadt beschossen“, sagt Kriegsveteran Schimon Cahaner, der heute ein Armeemuseum leitet. Während des Sechs-Tage Krieges tagte Israels Regierung in Jerusalem unter anhaltendem Beschuss. Dieses Trauma hat sich im kollektiven Gedächtnis erhalten, insbesondere angesichts des anhaltenden Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen. Israel will mit den annektierten Hügel um Jerusalem in Zukunft die Sicherheit seiner Hauptstadt absichern.
Netanjahus Aussage, dass „Wohnungsbau in Jerusalem sich nicht vom Wohnungsbau in Tel Aviv unterscheidet“, mag international umstritten sein, in Israel ist sie Konsens, besonders für ausschließlich jüdische „Stadtviertel“ wie Ramat Schlomo. „Jeder weiß, dass ein Friedensabkommen diese Stadtviertel in israelischen Händen belassen wird“, sagte Netanjahu diese Woche vor der AIPAC Lobby in Jerusalem, zu tosendem Beifall. Auch in Israel hat seine Bereitschaft, israelische Interessen in Jerusalem selbst gegenüber den USA zu verteidigen, ihm mehr Punkte eingebracht als gekostet. Zugeständnisse im Westjordanland kann Netanjahu seiner ultra-rechten Koalition zumuten. Er soll sich bereits zu mehreren vertrauensbildenden Maßnahmen verpflichtet haben, um indirekte Verhandlungen einzuleiten, wie die Freilassung hunderter Palästinenser aus israelischen Gefängnissen, die Räumung weiterer Straßensperren, vielleicht sogar eine Räumung weiterer Gebiete im Westjordanland und Verhandlungen auch über die Kernfragen des Nahostkonflikts. Ein Baustop in jüdischen Stadtteilen Jerusalems würde jedoch nicht nur seine Regierung zu Fall bringen und sein wichtigstes Wahlversprechen brechen, er widerspricht auch dem Wunsch der Mehrheit der Israelis.


Abgelegt unter: Allgemein — gilyaron @ 11:08 Kommentare (0)


Krieg um Jerusalem

Ab morgen bin ich wieder auf Vortragsreise durch Deutschland. Vorher noch ein Artikel zu den neusten Entwicklungen in der Heiligen Stadt. Melde mich bei Euch ab dem 18. März wieder!

Jerusalems Bürgermeister will ein arabisches Stadtviertel sanieren. Doch sein Vorhaben stößt auf Misstrauen, Palästinenser drohen offen mit einer neuen Intifada.

Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat übte sich gestern in autogenem Training: „Schließen Sie nur kurz die Augen und stellen sich vor, wie es aussehen könnte“, sagte Barkat, und fuhr fort: „Plätscherndes Wasser, ein grüner Park, die Schönheit dieses historischen Ortes.“ Mit Grafiken unterlegt präsentierte Barkat sein ehrgeizigstes Projekt: Gan Hamelekh, den Garten des Königs, nennt er das Tal südöstlich des Tempelbergs. Hier soll König Salomo spazieren gegangen sein und vielleicht den einen oder anderen Psalm verfasst haben. Nach dem Tempelberg, so eine Quelle im Rathaus, sei dies der zweitwichtigste Ort der Stadt. Er solle jetzt zum Teil eines grünen Gürtels um die Altstadt und eine Attraktion für hunderttausende Touristen werden.

Barkats Plan: links aktuelle Luftaufnahme, rechts der Traum

Barkats Plan: links aktuelle Luftaufnahme, rechts der Traum

Genau zu der Stunde, in der der Bürgermeister seine Visionen vorstellte, erinnerte in der „Grünzone“ nichts ans Bild vom friedlichen Touristenmagnet. Kaum etwas weist darauf hin, dass man sich in der israelischen Hauptstadt befindet. Krankenwagen wagen sich hier nur mit militärischem Geleitschutz her. Zwölfjährige rasen in aufgemotzten Wagen herum, wohl wissend, dass kein Polizist sie anhalten wird. Aus den offenen Wagenfenstern dröhnt arabische Musik und übertönt sogar den Ruf des Muezzins von der Al Aqsa Moschee, die auf dem Berg thront. Wind wirbelt Müll durch die mit Schlaglöchern übersäte Bergstraße. Willkommen in Al Bustan, dem Obstgarten, wie das Tal der Könige bei den Palästinensern heißt.

Das Barkat den palästinensischen Bewohnern des Stadtteils Wohlstand bringen will glaubt in Al Bustan niemand. Seit Jahrzehnten ist man Versprechen der Stadtverwaltung gewöhnt. Sie wurden nie gehalten. Städtische Dienstleistungen sind ein Fremdwort: Es gibt keine Bibliothek, städtische Kindergärten, Parks oder andere Einrichtungen. Dringlichste Not ist jedoch der Mangel an Wohnraum. Für Palästinenser, die im Durchschnitt fünf Kinder pro Familie haben, ist es fast unmöglich, in Jerusalem eine Baugenehmigung zu erhalten. Deswegen errichten tausende ihre Häuser unerlaubt. So entstand in den vergangenen zwanzig Jahren Al Bustan. Insgesamt 88 palästinensische Häuser stehen dicht an dicht, völlig planlos und mit viel Improvisation aneinandergereiht. Mitten in Al Bustan sieht es aus wie in einem Flüchtlingslager: statt Straßen enge Gassen, die sich durch die Häuser winden, arabisches Graffiti glorifiziert den patriotischen Kampf gegen Israel.

Zabarka mit allen Mitteln kämpfen

Zabarka mit allen Mitteln kämpfen

Diesem Durcheinander will Barkat jetzt ein Ende setzen: Sein ambitionierter Plan sieht den Abriss von 22 Häusern vor, die anderen sollen rückwirkend eine Bauerlaubnis erhalten. Die Hälfte von Al Bustan soll dann in einen Park umgewandelt werden, als Entschädigung will Barkat ein 2000 qm2 großes Gemeindezentrum errichten und 3000 qm2 Raum für Geschäfte machen, die von den Bewohnern Al Bustans betrieben werden. „Es ist ein Gewinn für alle“, sagt Barkat.
„Barkat ist ein Lügner. Es geht nicht darum, unsere Lebensbedingungen zu verbessern, sondern uns auszusiedeln“, sagt Khaled Zabarka, einer von vier Rechtsanwälten, die die Bewohner Al Bustans vertreten. „Wir wollen keinen Park. Wir wollen in unseren Häusern bleiben.“ Ein arabischer Architekt hat für Al Bustan einen alternativen Plan verfasst: demnach sollen alle Häuser stehen bleiben dürfen, nur die Mauern zwischen ihnen werden abgerissen, aus Vorgärten soll ein öffentlicher Park werden. Doch Barkat lehnte ab. Er will einen großflächigen Park für hunderttausende Touristen, verspricht aber Entschädigung und Baugenehmigungen für die verbleibenden Häuser. Palästinenser dünken dahinter eine Finte, die ihnen Jerusalem entreißen wird: „Die Idee vom Park soll die Welt beruhigen“, sagt Farhi Abu Diab, ein Aktivist aus Al Bustan. „Erst werden sie unsere Häuser abreißen, und dann wird ihnen plötzlich das Geld fehlen, um ihre Versprechen zu halten. Dann ziehen Juden ein“, sagt Abu Diab.
Während Barkat im Rathaus von Touristenströmen träumt, herrscht in Al Bustan Kriegsstimmung. Die Stimmung ist hier ohnehin aufgeheizt, seitdem die israelische Regierung historische Stätten im arabischen Westjordanland zum „jüdischen Kulturerbe“ erklärte. Seit Tagen liefern sich israelische Soldaten und Palästinenser deswegen Straßenschlachten. Ein paar Männer sitzen in einem Protestzelt: „Wir werden unter Einsatz unseres Lebens unsere Häuser und unser Land verteidigen, die Symbol unserer Ehre sind“, steht in roten arabischen Lettern auf einem Poster. „Wir gehen mit rechtlichen Mitteln gegen Barkats Plan vor. Sollte er trotzdem versuchen, uns aus unseren Häusern zu vertreiben, trägt er die Schuld für die Konsequenzen“, droht der ansonsten sanfte Zabarka. „Wenn man einem Mann sein Haus nimmt – wofür sollte er dann noch leben?“, fragt ein anderer Palästinenser, der seinen Namen nicht nennen will. „Ich werde mein Land nicht verlassen, solange ich lebe“, gelobt er. „Wir haben fast alle unter Kontrolle, aber wenn man uns in die enge treibt, kann ich die Jugendlichen hier nicht mehr zurückhalten“, sagt auch Abu Diab.

Abu Diab: Was ist ein Mann ohne sein Haus?

Abu Diab: Was ist ein Mann ohne sein Haus?

Die Bewohner von Al Bustan sind nicht allein. Nicht nur die arabische Welt verurteilt Barkats Pläne, auch israelische Linke, selbst die USA warnten vor den gefährlichen Konsequenzen, falls Planierraupen in Al Bustan aufführen. Kurz vor der Pressekonferenz schaltete Israels Premier Benjamin Netanjahu ein, um die Lage zu entschärfen. Er drängte Barkat dazu, seinen Plan nicht zu vollstrecken, sondern weiterhin den Dialog mit den Bewohnern Al Bustans zu führen. Barkat willigte in letzter Minute ein, und bannte damit vorerst den heraufbeschworenen Krieg um Jerusalem. Doch die Stadtverwaltung und die Bewohner scheinen auf einem unausweichlichen Kollisionskurs. Der nächste Kampf um Al Bustan ist nur eine Frage der Zeit.


Abgelegt unter: Allgemein — gilyaron @ 19:52 Kommentare (0)


Der Glanz von Byzanz

Mal wieder zurück zur Geschichte:

Nur noch einmal wurde die beginnende Symbiose zwischen dem römischen Reich, nach dem Fall Westroms Byzanz genannt, und dem Christentum existentiell bedroht. Nach Konstantins Tod 337 n. Chr. brach erneut ein Krieg über die Erbfolge aus. Es dauerte ein wenig mehr als 20 Jahre, bis Julianus Apostata, der letzte heidnische Kaiser, noch einmal für zwei Jahre die Staatsgeschäfte in Konstantinopel übernahm. Er hatte in seiner Jugend mit ansehen müssen, wie seine männlichen Verwandten, potentielle Rivalen der Thronerben, von den christlichen Herrschern ermordet wurden. Vielleicht war dies einer seiner Beweggründe, nach seiner Amtsübernahme zu versuchen, das Rad der konstantinischen Wende zurückzudrehen und das Christentum in seinem Reich einzudämmen. So war einer seiner ersten Schritte, es den Juden zu gestatten, ihren Tempel in Jerusalem wieder zu errichten.

Doch nur zwei Jahre später wurde Julianus bei seinem Feldzug gegen Persien getötet. Der Versuch, den Tempel wieder zu errichten, schlug fehl. So wurde die Klagemauer zum wichtigsten Heiligtum der Juden.

Nach Julianus Tod zementierten seine Nachfolger den Status des Christentums als Reichsreligion. Jerusalem erlebte einen bisher unbekannten Aufschwung. War es bis zu Konstantins Herrschaft eine kleine römische Provinzstadt gewesen, wurde sie im fünften Jahrhundert zu einem der wichtigsten Zentren der Christenheit. Zahlreiche Kirchen ließen die Stadt, die während der Herrschaft Justinians (527-565) wohl knapp 100.000 Einwohner hatte und wieder die Ausdehnung während ihrer jüdischen Blütezeit erreicht hatte, in neuem Glanz erblühen. An dem Ort, an dem sich heute die deutsch-katholische Dormitio befindet, stand früher die fünfschiffige Hagia-Sion. Sie markierte den Ort, an dem Maria gestorben sein soll.

Auch der Ölberg wurde als Ort, an dem Jesus lehrte, prophezeite und in den Himmel aufstieg mit Kirchen bebaut. Im vierten Jahrhundert entstand so auch die Legende von Jesu Fußabdruck, der in der Himmelfahrtskappelle des Imbomon verehrt wird. Von hier aus soll Jesus in den Himmel aufgestiegen sein. Paulinus, der Bischof von Nola (in der Provinz Neapel) beschreibt um 403 die entstehende Legende in einem Brief an seinen jüngeren Freund Sulpicius Severus: «In der Kirche der Himmelfahrt erscheint jener Ort, von dem aus ER, von einer Wolke getragen, in den Himmel aufstieg [...] so durch seine heiligen Fußspuren geheiligt, dass derselbe niemals mit Marmor bedeckt oder gepflastert werden konnte; vielmehr wurde alles, was man zur Ausschmückung anzubringen suchte, von dem sich sträubenden Boden hinweggeschleudert. Darum verbleibt in dem gesamten Raum der ganzen Basilika der Boden in seiner ursprünglichen Gestalt, als Rasen fortgrünend; auch bewahrt die Bodenfläche sichtbar und handgreiflich den hochverehrten Eindruck der heiligen Füße in dem von Gott berührten Erdenstaub, sodass wahrhaft gesagt werden kann: Wir beten dort an, wo seine Füße standen» (Epistula 31,4).

Wenige Jahrzehnte später friedete Kaiserin Eudokia (400?-460) die Stadt wieder ein. Inmitten des heutigen jüdischen Viertels stand die gewaltige Hagia Maria Nea Kirche. Kilometerweit war Jerusalem wieder mit Klöstern und liebevoll terrassierten Hügeln umgeben, die jährlich tausende von Pilgern ernährten. Erst mit der muslimischen Eroberung 638 n. Chr. endete die christliche Präsenz in Jerusalem für eine lange Zeit.




Sensationeller Fund in Jerusalem

Neue Funde neben dem Tempelberg in Jerusalem könnten eine Jahrzehnte alte Debatte über die Genauigkeit der Bibel entscheiden. Die Archäologin Elat Masar will die Stadtmauern König Salomos gefunden haben. Kritiker erwarten die Untersuchung der „potentiell sensationellen Funde“ mit Spannung. Lest hier mehr darüber!

Wurde dieses Stadttor mit seinen vier Kammern tatsächlich von König Salomo erbaut?

Wurde dieses Stadttor mit seinen vier Kammern tatsächlich von König Salomo erbaut?


Abgelegt unter: Allgemein — gilyaron @ 13:16 Kommentare (0)


« Neuere ArtikelÄltere Artikel »