Eine neue Grabeskirche

Nach dem kulinarischen Ausflug, und kurz vor Weihnachten, noch ein wenig zur Geschichte der Grabeskirche.

Nach der Eroberung durch die Kreuzritter im Jahre 1099 wurde eine neue Basilika gebaut, doch der Bau sollte nie wieder den Glanz der Antike erhalten. Heute ähnelt die wichtigste Kirche des Christentums einem Flickwerk verschiedenster Stile, die nicht miteinander harmonieren. Der ehemalige Nahostkorrespondent der FAZ Dr. Jörg Bremer nennt dies «die ewige Baustelle des christlichen Glaubens.» Der dunkle, verwinkelte Bau entspricht oft nicht der Hoffnung auf Erleuchtung, die Pilger aus aller Welt in sich tragen, wenn sie erstmals den heiligsten Ort des Christentums betreten. Durch die Jahrhunderte wurde die Kirche wiederholt renoviert, doch niemals existierte ein Gesamtplan, der eine architektonische Einheit erzeugen konnte.

Das Martyrion - es befindet sich über dem Golgathafelsen, auf dem Jesus der Überlieferung nach ans Kreuz geschlagen wurde (wahrscheinlich ist der Ausdruck ans Kreuz gebunden historisch exakter)

Das Martyrion - es befindet sich über dem Golgathafelsen, auf dem Jesus der Überlieferung nach ans Kreuz geschlagen wurde (wahrscheinlich ist der Ausdruck ans Kreuz gebunden historisch exakter)

So endeten im Jahre 1149 die Renovierungen der Kreuzfahrer im romanischen Stil, Franziskaner legten im Jahr 1555 Hand an, und nach einem Feuer 1808 wurde die Rotunde im Jahre 1809 von der griechisch-orthodoxen Kirche repariert. Die heutige Kuppel stammt aus dem Jahre 1870. Zum letzten Mal wurde das Gotteshaus in den Jahren 1959 und 1994–1997 restauriert, jedoch nur geringfügig, weil die verschiedenen Kirchen, die auf den Bau Anspruch erheben, sich niemals auf einen gemeinsamen Plan einigen konnten. Die Anastasis, die Grabes- und Auferstehungskirche, die Konstantin einst errichtete, um die Vormacht seines einen katholischen Glaubens zu demonstrieren, sind ist deswegen für manche Inbegriff der Intoleranz geblieben, selbst wenn mehrere Kirchen hier heute nebeneinander existieren.




Juden als Feinde Christi

Manche Historiker verbinden mit dem Bau der Grabeskirche einen zentralen Aspekt der konstantinschen Wende. Das Christentum verwandelte sich von einer Religion der Verfolgten zu einem Machtinstrument des Kaisers. Dies veränderte auch den Charakter des Glaubens und sein Verhältnis zum Judentum.

Das Martyrion auf dem Golgathahügel in der Grabeskirch

Das Martyrion auf dem Golgathahügel in der Grabeskirche

Bis zum Bau der Grabeskirche und ihrer Einweihung unter Konstantin im Jahr 335 stand das Grab Christi und die Auferstehung im Mittelpunkt des Glaubens. Konstantin verlegte das Zentrum von der Anastasis zum Martyrion. Nicht mehr das Wasser der Auferstehung, sondern das Kreuz der Passion wurde zum zentralen Symbol des Jesus-Kults. Das hatte zwar den erfreulichen Nebeneffekt, das Konstantin fortan die Kreuzigung als Strafe in seinem Reich verbot. Für die Juden hingegen begann mit der Errichtung der Grabeskirche eine 1700 jährige Verfolgungsgeschichte. Denn damit, dass der Tod Jesu die Auferstehung überschattete, verbreitete sich auch die Auffassung, Juden seien Gottesmörder.

Schon die Evangelien machten die Juden, nicht Pilatus, für Jesus Tod verantwortlich. Die Kritik der Apostel im ersten Jahrhundert kam aber von innen. Sie sahen sich selbst als Juden, und verurteilten ihre Glaubensbrüder dafür, dass sie Jesus nicht annahmen. Als Heiden zu Christen wurden, wurde aus dem Bruderzwist tödliche Polemik. Es entstanden Legenden, dass die Juden das wahre Kreuz nach der Hinrichtung Jesu versteckt hätten. Das Kreuz galt dem Bischof von Milano Ambrosius (339-397) als Sinnbild der Niedertracht der Juden. Gemeinsam mit dem Kreuz hatten sie ihr Verbrechen verbergen wollen. Nur Dank schwerer Folter habe Helena einem Juden «das letzte Geheimnis seines Volkes» entreißen können. Damit sei die Hoffnung der Juden vernichtet.




Das Kreuz wird Symbol

Nach dem langen Vorspann werdet ihr nun verstehen, warum ich so lange über Konstatin und “seine” Wende daherschwafelte. Denn aufgrund dieser Wende entsteht in Jerusalem die wichtigste Kirche der Christen - die Grabeskirche. Sie fasst die «konstantinische Wende» in Stein.

Konstantins Mutter, die heilige Flavia Julia Helena Augusta, pilgerte im Jahr 326 im hohen Alter von 76 Jahren nach Jerusalem. Dort bestimmte sie mit Hilfe des Jerusalemer Bischofs Makarios und göttlicher Eingebung die genauen Orte des Leidensweges Christi, die Via Dolorosa (historisch akkurat war sie wohl kaum). Die Tochter eines makedonischen Gastwirts avancierte so zur «erfolgreichsten Archäologin» aller Zeiten. Anstelle des hadrianischen Tripelheiligtums ließ sie im Auftrag Konstantins einen Kirchenkomplex errichten.

In einem Brief an Makarios, den Bischof von Jerusalem, schrieb Konstantin im Jahr 325, er trage «keine größere Sorge als diesen heiligen Ort, den ich - unter göttlicher Fügung - befreit habe von der schweren Last faulen Götzendienstes, am besten zu schmücken durch ein prachtvolles Gebäude; einen Ort, der in Gottes Augen von Anbeginn heilig war, der jetzt aber noch heiliger erscheint, seit er ans Licht gebracht wurde als deutliches Zeugnis des Leidens unseres Herrn».

Es gibt auch Versuche, Konstantins Hinwendung zum Todeskult des Kreuzes psychologisch zu erklären. Im selben Jahr, in dem Helena nach Jerusalem kam, ließ der Kaiser zuerst seinen Erstgeborenen Crispus und später seine Frau Fausta ermorden. Darüber existieren zwei Theorien. Entweder war Crispus als Sohn einer Konkubine Fausta ein Dorn im Auge. Sie konspirierte gegen ihn und brachte Konstantin dazu, seinen Sohn zu töten. Als der Schwindel aufflog, ermordete er auch seine Frau. Eine andere Theorie besagt, dass Fausta und Crispus eine Affäre hatten. Welche Theorie auch stimmt, im selben Jahr ließ Konstantin das Martyrion errichten. Es ehrt den Ort, an dem Gott seinen Sohn hinrichten ließ. Vielleicht sah er hier eine tragische Parallele zu seinem eigenen Leben, sah er sich doch als Gottes Stellvertreter auf Erden.

Das Wunder der Auferstehung wurde zur Nebensache. Die Rotunde der Anastasis (Auferstehungskirche) über dem vermeintlichen Grab Christi, deren Grundriss sich bis heute erhalten hat, stand im Schatten der gewaltigen «Martyrion»-Basilika neben der Golgatha-Kirche, die der Kreuzigung Christi gewidmet war. Zeitgenössische Quellen beschreiben diese Kirche als den bedeutendsten Sakralbau der damaligen Zeit, der nur von der im Jahr 360 erbauten Hagia Sofia in Konstantinopel übertroffen wurde.

Pilger drängen sich mit gemieteten Kreuzen zu Ostern am Grabe der Grabeskirche

Pilger drängen sich mit gemieteten Kreuzen zu Ostern am Grabe der Grabeskirche

Während nun also Golgatha zum Nabel des christlichen Universums wurde, verkam der Tempelberg, Standort des jüdischen Heiligtums, zu einer Müllhalde. Darin sahen die Christen eine Bestätigung der Weissagungen Jesu: «Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten! Da sprachen die Juden: In sechsundvierzig Jahren ist dieser Tempel erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes» (Johannes 2, 19-21). Der Glaube an Jesu sollte fortan den Tempel ersetzen. Nur solange der heilige Tempel der Juden in Trümmern lag, sahen die Christen die Prophezeiungen Jesu als erfüllt an. Judentum und Christentum schlossen einander fortan aus.