20. Dezember 2009
Nach dem kulinarischen Ausflug, und kurz vor Weihnachten, noch ein wenig zur Geschichte der Grabeskirche.
Nach der Eroberung durch die Kreuzritter im Jahre 1099 wurde eine neue Basilika gebaut, doch der Bau sollte nie wieder den Glanz der Antike erhalten. Heute ähnelt die wichtigste Kirche des Christentums einem Flickwerk verschiedenster Stile, die nicht miteinander harmonieren. Der ehemalige Nahostkorrespondent der FAZ Dr. Jörg Bremer nennt dies «die ewige Baustelle des christlichen Glaubens.» Der dunkle, verwinkelte Bau entspricht oft nicht der Hoffnung auf Erleuchtung, die Pilger aus aller Welt in sich tragen, wenn sie erstmals den heiligsten Ort des Christentums betreten. Durch die Jahrhunderte wurde die Kirche wiederholt renoviert, doch niemals existierte ein Gesamtplan, der eine architektonische Einheit erzeugen konnte.

Das Martyrion - es befindet sich über dem Golgathafelsen, auf dem Jesus der Überlieferung nach ans Kreuz geschlagen wurde (wahrscheinlich ist der Ausdruck ans Kreuz gebunden historisch exakter)
So endeten im Jahre 1149 die Renovierungen der Kreuzfahrer im romanischen Stil, Franziskaner legten im Jahr 1555 Hand an, und nach einem Feuer 1808 wurde die Rotunde im Jahre 1809 von der griechisch-orthodoxen Kirche repariert. Die heutige Kuppel stammt aus dem Jahre 1870. Zum letzten Mal wurde das Gotteshaus in den Jahren 1959 und 1994–1997 restauriert, jedoch nur geringfügig, weil die verschiedenen Kirchen, die auf den Bau Anspruch erheben, sich niemals auf einen gemeinsamen Plan einigen konnten. Die Anastasis, die Grabes- und Auferstehungskirche, die Konstantin einst errichtete, um die Vormacht seines einen katholischen Glaubens zu demonstrieren, sind ist deswegen für manche Inbegriff der Intoleranz geblieben, selbst wenn mehrere Kirchen hier heute nebeneinander existieren.
9. November 2009
Es ist ein Paradox der Geschichte, dass gerade das Gebäude, das Konstantin als Wahrzeichen seines unter ihm geeinten Christentums errichten ließ, heute die tiefe Spaltung unter den Christen symbolisiert. Sechs christliche Gemeinschaften erheben hier Anspruch darauf, die einzig «wahrhaftige» Vertreterin des Glaubens zu sein: Griechisch-Orthodoxe, Armenier, die römisch-katholischen Franziskaner, Kopten, Syrer und Äthiopier.

Der Omphalos - der Nabel der Welt, im griechisch-orthodoxen Teil der Kirche. Man kann ihn übrigens verschieben.
Eifersüchtig ringen sie um jeden Zentimeter in der Grabeskirche. Um die häufigen Streitereien auf ein Minimum zu beschränken, zwang Sultan Abdülmecid 1852 allen Seiten den «Status Quo» auf, ein mehrerer hundert Seiten langer Kodex, der mit akribischer Genauigkeit vorschreibt, wer wann und wo beten darf. Doch selbst mit dem heute noch gültigen Status Quo können immer noch Konflikte entstehen, weil beispielsweise ein äthiopischer Mönch eine Treppe kehrt, die eigentlich die Griechen sauber halten sollen. Noch im Jahr 2005 führte eine halb geöffnete Tür zu Schlägereien zwischen Franziskanern und Griechisch-Orthodoxen, bei denen ein israelischer Polizist einen Zahn verlor. Bis zum heutigen Tag befinden sich in der Kirche ständig 14 israelische Polizisten im Dienst, um Handgreiflichkeiten unter Priestern, Mönchen und gläubigen Anhängern zu verhindern. Auch in diesem Jahr kam es wiederholt zu Reibereien zwischen den heiligen Männern in der Kirche.
Wie ein armenischer Priester mir hinter vorgehaltener Hand erzählte, müssen die Vertreter dieser Kirche eher mit Muskeln bepackt denn bibelfest sein, um eine Stelle in Jerusalem zu erhalten. So erhofft sich die armenische Kirche einen «handfesten» Vorteil bei den «theologischen» Auseinandersetzungen vor Ort. Auch für anderes unchristliches Verhalten der Mönche vor Ort gibt es Beispiele zuhauf. Manchmal stecken sie dabei mit fragwürdigen Fremdenführern unter einem Hut und lassen Spendengelder in selbst gefertigten Dosen verschwinden. Später teilen Mönch und Führer die «Spendengelder zur Restauration der Kirche» unter sich auf.