Nach dem langen Vorspann werdet ihr nun verstehen, warum ich so lange über Konstatin und “seine” Wende daherschwafelte. Denn aufgrund dieser Wende entsteht in Jerusalem die wichtigste Kirche der Christen - die Grabeskirche. Sie fasst die «konstantinische Wende» in Stein.
Konstantins Mutter, die heilige Flavia Julia Helena Augusta, pilgerte im Jahr 326 im hohen Alter von 76 Jahren nach Jerusalem. Dort bestimmte sie mit Hilfe des Jerusalemer Bischofs Makarios und göttlicher Eingebung die genauen Orte des Leidensweges Christi, die Via Dolorosa (historisch akkurat war sie wohl kaum). Die Tochter eines makedonischen Gastwirts avancierte so zur «erfolgreichsten Archäologin» aller Zeiten. Anstelle des hadrianischen Tripelheiligtums ließ sie im Auftrag Konstantins einen Kirchenkomplex errichten.
In einem Brief an Makarios, den Bischof von Jerusalem, schrieb Konstantin im Jahr 325, er trage «keine größere Sorge als diesen heiligen Ort, den ich - unter göttlicher Fügung - befreit habe von der schweren Last faulen Götzendienstes, am besten zu schmücken durch ein prachtvolles Gebäude; einen Ort, der in Gottes Augen von Anbeginn heilig war, der jetzt aber noch heiliger erscheint, seit er ans Licht gebracht wurde als deutliches Zeugnis des Leidens unseres Herrn».
Es gibt auch Versuche, Konstantins Hinwendung zum Todeskult des Kreuzes psychologisch zu erklären. Im selben Jahr, in dem Helena nach Jerusalem kam, ließ der Kaiser zuerst seinen Erstgeborenen Crispus und später seine Frau Fausta ermorden. Darüber existieren zwei Theorien. Entweder war Crispus als Sohn einer Konkubine Fausta ein Dorn im Auge. Sie konspirierte gegen ihn und brachte Konstantin dazu, seinen Sohn zu töten. Als der Schwindel aufflog, ermordete er auch seine Frau. Eine andere Theorie besagt, dass Fausta und Crispus eine Affäre hatten. Welche Theorie auch stimmt, im selben Jahr ließ Konstantin das Martyrion errichten. Es ehrt den Ort, an dem Gott seinen Sohn hinrichten ließ. Vielleicht sah er hier eine tragische Parallele zu seinem eigenen Leben, sah er sich doch als Gottes Stellvertreter auf Erden.
Das Wunder der Auferstehung wurde zur Nebensache. Die Rotunde der Anastasis (Auferstehungskirche) über dem vermeintlichen Grab Christi, deren Grundriss sich bis heute erhalten hat, stand im Schatten der gewaltigen «Martyrion»-Basilika neben der Golgatha-Kirche, die der Kreuzigung Christi gewidmet war. Zeitgenössische Quellen beschreiben diese Kirche als den bedeutendsten Sakralbau der damaligen Zeit, der nur von der im Jahr 360 erbauten Hagia Sofia in Konstantinopel übertroffen wurde.

Pilger drängen sich mit gemieteten Kreuzen zu Ostern am Grabe der Grabeskirche
Während nun also Golgatha zum Nabel des christlichen Universums wurde, verkam der Tempelberg, Standort des jüdischen Heiligtums, zu einer Müllhalde. Darin sahen die Christen eine Bestätigung der Weissagungen Jesu: «Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten! Da sprachen die Juden: In sechsundvierzig Jahren ist dieser Tempel erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes» (Johannes 2, 19-21). Der Glaube an Jesu sollte fortan den Tempel ersetzen. Nur solange der heilige Tempel der Juden in Trümmern lag, sahen die Christen die Prophezeiungen Jesu als erfüllt an. Judentum und Christentum schlossen einander fortan aus.







