Die andere Wange?

Nach den kulinarischen Auslfügen ist es mal wieder Zeit für ein wenig Geschichte…

Wir waren bei der Wiedererrichtung des Grabeskirche stehengeblieben. Ich bin aber Beispiele für die christliche Intoleranz vor Ort schuldig geblieben. Also hier ein paar kleine Details…

Als die Kirche 1808 abbrannte, wurde den Griechen im Gegenzug für ein Bestechungsgeld in Höhe von 2,2 Millionen Rubel das Recht von den Osmanen erteilt, die zerstörte Rotunde zu restaurieren. Das Bestechungsgeld übertraf die Kosten für die Restauration um das doppelte. Die Griechen nutzten das Privileg jedoch nicht nur, um den Ort wieder für Gläubige begehbar zu machen, sondern ergriffen vielmehr die Gelegenheit, um jede Erinnerung an die Kreuzfahrer in der Kirche auszulöschen. So wurden die Beschriftungen auf den steinernen Sarkophagen der Kreuzritter glatt geschliffen, jede Erinnerung an die westkirchlichen Wurzeln in der Kirche sollte ausgemerzt werden.

Es verwundert deswegen kaum, dass die Engländer zur Mandatszeit eine ganze Kompanie der Polizei anrücken ließen, als nahe dem Eingang zur Kirche der Grabstein des Kreuzfahrers Philip d’Aubigny, eines Unterzeichners der Magna Charta, entdeckt wurde. Dieser letzte Grabstein eines Kreuzfahrers musste vor den aufgebrachten griechischen Mönchen gerettet werden, damit sie nicht auch dieses Überbleibsel fremder Präsenz in «ihrer» Kirche zerstörten.

Die Unfähigkeit der verschiedenen Kirchen, sich zu einigen, erreicht nicht selten groteske Ausmaße. Jede Fraktion behauptet, im Besitz der originalen «Qualensäule» zu sein, an der Jesus gefesselt war und vor der Kreuzigung ausgepeitscht wurde. Über dem Eingang zur Kirche befindet sich auf einer Terrasse eine hölzerne Leiter, die schon 1842 in einem Kupferstich festgehalten wurde. Niemand darf sie bewegen, weil man sich nicht darauf einigen kann, wohin und wem sie gehört. Eine Theorie zur Leiter behauptet allerdings, dass die Leiter absichtlich von den armenischen Priestern vor Ort belassen wurde. Die durften nämlich bis 1852 nicht den Ausgang benutzen, der von der Griechen beherrscht wurde. Sie mussten deswegen den haarsträubend gefährlichen Weg durchs Fenster und die hölzerne Leiter nehmen. Erst als die Osmanen die auchg heute gültigen Nutzungsrechte im Status Quo festhielten, konnten die Armenier wieder ungestört die Kirche verlassen. Sie ließen aber die Leiter weiterhin auf dem Fenstersims stehen, um an die griechisch-orthodoxe Intoleranz zu erinnern.

In einer Frage waren sich die christlichen Gruppen allerdings einig: Juden hatten zur Kirche bis 1967 offiziell keinen Zutritt. Bei einer Überschreitung dieses Verbots drohte ihnen die Todesstrafe.




Eine neue Grabeskirche

Nach dem kulinarischen Ausflug, und kurz vor Weihnachten, noch ein wenig zur Geschichte der Grabeskirche.

Nach der Eroberung durch die Kreuzritter im Jahre 1099 wurde eine neue Basilika gebaut, doch der Bau sollte nie wieder den Glanz der Antike erhalten. Heute ähnelt die wichtigste Kirche des Christentums einem Flickwerk verschiedenster Stile, die nicht miteinander harmonieren. Der ehemalige Nahostkorrespondent der FAZ Dr. Jörg Bremer nennt dies «die ewige Baustelle des christlichen Glaubens.» Der dunkle, verwinkelte Bau entspricht oft nicht der Hoffnung auf Erleuchtung, die Pilger aus aller Welt in sich tragen, wenn sie erstmals den heiligsten Ort des Christentums betreten. Durch die Jahrhunderte wurde die Kirche wiederholt renoviert, doch niemals existierte ein Gesamtplan, der eine architektonische Einheit erzeugen konnte.

Das Martyrion - es befindet sich über dem Golgathafelsen, auf dem Jesus der Überlieferung nach ans Kreuz geschlagen wurde (wahrscheinlich ist der Ausdruck ans Kreuz gebunden historisch exakter)

Das Martyrion - es befindet sich über dem Golgathafelsen, auf dem Jesus der Überlieferung nach ans Kreuz geschlagen wurde (wahrscheinlich ist der Ausdruck ans Kreuz gebunden historisch exakter)

So endeten im Jahre 1149 die Renovierungen der Kreuzfahrer im romanischen Stil, Franziskaner legten im Jahr 1555 Hand an, und nach einem Feuer 1808 wurde die Rotunde im Jahre 1809 von der griechisch-orthodoxen Kirche repariert. Die heutige Kuppel stammt aus dem Jahre 1870. Zum letzten Mal wurde das Gotteshaus in den Jahren 1959 und 1994–1997 restauriert, jedoch nur geringfügig, weil die verschiedenen Kirchen, die auf den Bau Anspruch erheben, sich niemals auf einen gemeinsamen Plan einigen konnten. Die Anastasis, die Grabes- und Auferstehungskirche, die Konstantin einst errichtete, um die Vormacht seines einen katholischen Glaubens zu demonstrieren, sind ist deswegen für manche Inbegriff der Intoleranz geblieben, selbst wenn mehrere Kirchen hier heute nebeneinander existieren.