Jeder zu seiner Zeit

In Jerusalem leben die Menschen nicht nur in unterschiedlichen Stadtvierteln, sondern auch in verschiedenen Zeitzonen. Religion wird am Zifferblatt erkenntlich.

Rund ein Monat vor der westlichen Welt wird Israel seine Uhren am Sonntag wieder auf Winterzeit umstellen. Die chronologische Eigenbrötelei ist im Nahen Osten kein Sonderfall: In vielen muslimischen Staaten wurden die Zeiger schon Anfang September um eine Stunde vorgestellt. In gemischten Städten wie Jerusalem ergeben sich dabei absurde Situationen.

Im September lebten die Bewohner dieser Stadt, die so groß ist wie Kiel, in drei verschiedenen Zeitzonen. Viele gläubige Muslime hatten bereits am 4. September ihre Uhren zurückgestellt, als es bei ihren jüdischen Nachbarn noch eine Stunde später war. Aber nicht alle. Wer im israelischen Jerusalem arbeitete behielt oft die israelische Zeit bei, wer im nahen palästinensischen Ramallah Anstellung hat, verschob die Zeiger seiner Uhr. Bei jeder Verabredung musste man sich deswegen vergewissern, in welcher Zeitzone sich das Gegenüber befand. Ab Sonntag wird die Lücke geschlossen, wenn auch das jüdische Israel ein Monat vor dem Rest der Welt auf Winterzeit umsteigt.

Dennoch werden die Zeitunterschiede nicht vollends aus Jerusalem verschwinden. In den Kreisen der ultra-orthodoxen „Eda Haredith“ geht das ganze Jahr über die Uhr viereinhalb Stunden vor. So will die extremistische, anti-israelische Splittergruppe demonstrieren, dass sie den Staat Israel grundsätzlich nicht anerkennt. Schon der erste britische Militärgouverneur Ronald Storrs hatte also vor rund 90 Jahren Recht als er behauptete, Jerusalem sei der einzige Ort auf der Welt, an dem man sich frei aussuchen könne, in welchem Jahrhundert man leben will.

Ursache für diese Unterschiede sind die religiösen Feiertage. Muslime feierten im September den Fastenmonat „Ramadan“. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ist die Nahrungsaufnahme verboten. Verschiebt man die Uhr, kann man so eine Stunde später zur Arbeit gehen und eine Stunde früher wieder Abendbrot essen. Bei den Israelis ist der Grund derselbe: Am Montag feiern Juden in aller Welt den Versöhnungstag „Jom Kippur“, den höchsten Feiertag des jüdischen Kalenders, der ebenfalls ein Fasttag ist. Um die Tortur zu verkürzen, stellt ganz Israel auf Winterzeit um, selbst wenn das die Wirtschaft jedes Jahr Millionen kostet und vor allem bei Säkularen Israelis heftig umstritten ist. Die fühlen sich durch die frühzeitige Zeitumstellung einen Monat lang einer Stunde Tageslicht beraubt.




Selichot

Noch einmal eine kurze Pause in der Geschichte für eine “aktuelle” Entwicklung.

Dieser Tage lohnt es sich wirklich, in Jerusalem zu sein. Kurz vor den Hohen Feiertagen von Rosh Hashana, dem jüdischen Neujahr, und Jom Kippur, dem Versöhnungstag, kommen Juden aus aller Welt nach Jerusalem, um Selichot zu sagen. Selichot sind die Gebete, in denen Juden um Vergebung bitten. Besonders in jetzt könnte das ausschlaggebend sein, bestimmt laut jüdischer Überlieferung doch Gott zu Rosh Hashana das Schicksal einer Person für das kommende Jahr.

Diese Selichot sagt man am besten vor der Klagemauer, und so ist die Altstadt selbst nachts mit tausenden Besuchern gefüllt, die sich einen Weg durch die engen, mittelalterlichen Gassen zur Klagemauer bahnen.

Die Stadtverwaltung hat sogar extra tausende Wunschzettel aus der Klagemauer entfernt, um Platz für neue Bitten zu machen. Aber keine Sorge, angeblich werden die entfernten Zettel in geweihter Erde beigesetzt. Wer nicht selber kommen kann, kann auf der Webseite http://www.slicha.com/faxcotel.asp Gott sogar ein Fax schicken!

Euch lieben Lesern wünsche ich allenfalls ein gutes neues Jahr, oder wie auf Hebräisch üblich

SHANA TOVA VEHAG SAMEAH!


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