Christliches Jerusalem - gab es Jesus wirklich?

jesus-enters-jerusalem-for-passoverDie zentrale Rolle Jerusalems für die christliche Welt ist eng mit dem Leben, Wirken, Tod und der Auferstehung von Jesus von Nazareth verknüpft. Hier, im prachtvollen herodianischen Tempel, wurde Jesus zum Agitator, der die Elite der Priester herausforderte: »Und das Passah der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel die Verkäufer von Ochsen und Schafen und Tauben und die Wechsler, die dasaßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus, samt den Schafen und Ochsen, und den Wechslern verschüttete er das Geld und stieß die Tische um und sprach zu denen, welche die Tauben feilboten: Traget das von dannen! Machet nicht meines Vaters Haus zu einem Kaufhaus!» (Johannes 2, 13-16). Doch Jesus fand für seine Thesen im Tempel Anhänger: »Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Vornehmsten im Volk trachteten ihm nach, wie sie ihn umbrächten; und fanden nicht, wie sie ihm tun sollten, denn das Volk hing ihm an und hörte ihn.» (Lukas 19, 47-ff).

Anders als für die Existenz anderer zentraler Akteure der Bibel, wie König Salomon, existieren für das Leben Jesu Belege in Form unabhängiger zeitgenössischer Quellen. Wenn auch keine archäologischen Befunde. Außer den Evangelien, die teilweise mehr als hundert Jahre nach seinem Tod verfasst wurden, erwähnt auch Josephus Flavius einen «Jesus, der Christus genannt» wird. In den Schriften von Plinius dem Jüngeren, Tacitus oder Josephus Flavius gibt es Andeutungen auf Jesus. Manche argumentieren zwar, Jesus sei erfunden worden. Für diese provokante These spricht, dass viele Aspekte seiner Lebensgeschichte widersprüchlich sind oder in sein Leben hineingedeutet wurden, um die Erfüllung heidnischer oder jüdischer Prophezeiungen zu demonstrieren.Doch davon mehr nächstes Mal.
Doch trotzdem sind die meisten Forscher davon überzeugt, dass ein historischer Jesus existierte. Sie verweisen darauf, dass der «Mythos» von Jesus wohl kaum in nur 50 Jahren mit der mutmaßlichen Verfassung des ersten Evangeliums hätte entstehen können.




Die große Revolte

Die römische Fremdherrschaft wird jedoch beständig erdrückender, bis sich der jüdische Unmut im Jahr 66 unserer Zeitrechnung erneut in einer Revolte entlädt. Die Rache Roms ist verheerend. Vier Jahre lang wähnen sich die Aufständischen erfolgreich, so dass sie bereits beginnen, sich um die Pfründe zu streiten. Doch im Jahr 70 beginnt Titus mit 80.000 Soldaten die grausame Belagerung Jerusalems. Der Augenzeuge Josephus Flavius beschreibt eine fürchterlich Hungersnot, der 600.000 Menschen zum Opfer fallen:„Menschen aßen Gürtel und Schuhe, andere vergilbtes Gras“. Die grünen Hügel Judäas werden zur Mondlandschaft. Im Umkreis von 20 Kilometern werden alle Bäume gefällt. Titus Soldaten brauchen das Holz, um diejenigen zu kreuzigen, die vor dem Hunger in der Stadt fliehen. Dabei macht man sich einen Spaß daraus, die Opfer zur Demoralisierung der Verteidiger in möglichst grotesken Stellungen anzubinden.
Diesem entschlossenen Ansturm der römischen Kriegsmaschine hält Jerusalem nicht stand. Am 9. Tag des Mondmonats Av, dem Tag, an dem der Überlieferung nach zuvor auch der erste Tempel zerstört worden war, stecken die Römer den Tempel in Brand. Noch heute verdeutlichen die zu massiven Trümmerhaufen aufgetürmten Bausteine, die die Römer von der Umrandungsmauer des Tempels ins anliegende Tal stürzten, das Ausmaß und die Wut hinter der Zerstörung eines der größten Bauwerke der Antike. Nur die Autobus-großen Steine der westlichen Stützmauer des Tempelvorhofs halten dem Vernichtungswahn der Soldaten stand und bleiben so das einzige Überbleibsel des Tempels.
Fortan ist dieser Tag den Juden ein Trauer- und Fasttag. Für das Judentum bedeutet die Zerstörung des zweiten Tempels Katastrophe und Rettung zugleich. Das spröde, vererbte Priestertum der Saduzzäer wird ausgelöscht und von der pharisäischen, sich ständig erneuernden Meritokratie der Rabbiner ersetzt. Status ist nicht mehr erblich, sondern durch Lernen erworben. Juden werden vom Volk des Tempels zum Volk des Buches. Die Aufhebung der engen, lokalen Dimension macht Übertritte leichter, der Aufstand gegen die Römer imponiert vielen römischen Untertanen, so dass mancherorts ganze Gemeinden zum Judentum übertreten. Erst, als ein christliches Imperium jüdische Proselytenmacherei verbietet, endet diese Ausdehnung des Judentums.


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