Augusta in neuem Glanz

Ein kurzer Einschub anlässlich Weihnachten. Ein zuckersüße Geschichte ausgerechnet über eine deutsche Kirche in Jerusalem….

In einer Stadt, in der Immobilien eher Anlass zu Streit als Grund zu Versöhnung sind, dient ausgerechnet ein deutsches Gebäude als Begegnungsstätte für Juden, Christen und Muslime und als Zeichen der Versöhnung der drei Religionen. Vor 100 Jahren wurde die von Kaiser Wilhelm II. gestiftete Augusta Viktoria Kirche auf dem Ölberg eingeweiht. Im kommenden Jahr wird der restaurierte Festsaal wieder in Betrieb genommen. Auch Juden und Muslime halfen maßgeblich bei der Instandsetzung des preußischen Kaisersaals. Zu Weihnachten hat Pastor Michael Wohlrab, der das historische Gebäude verwaltet, endlich wieder Grund zu Hoffnung.

Selbst für eine geschichtsträchtige Stadt wie Jerusalem ist die Vergangenheit des schummrigen Saals, den Pastor Michael Wohlrab vor drei Jahren nach seinem Amtsantritt zum ersten Mal betrat, ungewöhnlich. Wie an kaum einem anderen Ort in Jerusalem wurde zwischen den Wänden dieses Gebäudes die moderne Geschichte des Nahen Ostens geprägt. Doch bis vor drei Jahren brauchte man viel Fantasie, um sich die bewegenden Augenblicke vor Augen zu halten: „Von den Krankenhaustoiletten tropfte Abwasser durch das undichte Dach, die beige Farbe an den Wänden starrte vor Schmutz und alten Blutflecken. Es war muffig, feucht und düster“, sagt Wohlrab. Trotz dieses erbärmlichen Zustands konnte Wohlrab „den alten Glanz des kaiserlichen Saales förmlich noch spüren.“ Der neue Leiter des Pilger und Begegnungszentrums der Evangelischen Kirche entschloss sich, den Saal zu restaurieren.

Die Geschichte des Augusta Viktoria Komplexes auf dem Jerusalemer Ölberg begann mit der historischen Nahostreise Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1898. Der Aufwand war gewaltig. Der kaiserliche Tross umfasste 1300 Pferde und Mulis, 100 Kutschen, 230 Zelte, 12 Gepäckwagen, 100 Kutscher, 12 Köche, 60 Diener und mehr als 500 Begleitpersonen. Wilhelm II. kam nicht nur als Pilger nach Palästina. Vielmehr wollte der Kaiser den deutschen Anspruch auf das Heilige Land und das Bündnis mit dem Osmanischen Reich bekräftigen. Dafür musste er Zeichen setzen, und legte deswegen die Grundsteine für mehrere deutsche Einrichtungen in Jerusalem. „Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die Kirchen Wilhelms sich in unmittelbarer Nähe der Kirchen befinden, die Kaiser Konstantin 1600 Jahre zuvor errichten ließ. Wilhelm sah sich als Erbe dieser Tradition“, sagt Wohlrab. Bei seinem Besuch erstand Wilhelm auch das Areal auf dem Ölberg, unweit des Ortes, auf dem einst eine Himmelfahrtkapelle stand. Nach der Grundsteinlegung 1907 benötigten die deutschen Architekten nur drei Jahre, um den Bau fertig zu stellen, der auf den Namen von Wilhelms Gattin getauft wurde.

Die Augusta - eine historische Aufnahme vor dem Erdbeben 1927, als der Turm noch intakt war

Die Augusta - eine historische Aufnahme vor dem Erdbeben 1927, als der Turm noch intakt war

„Es war damals der modernste Bau in Palästina“, sagt Wohlrab. Die meisten Baumaterialien wurden eigens aus Deutschland angeschafft. Für den Transport der sechs Tonnen schweren Glocke aus Hamburg musste die Straße zur Hafenstadt Jaffa eigens ausgebessert werden. Die Augusta Viktoria war eines der ersten Gebäude Palästinas mit eigenem Stromanschluss. Dann brach der erste Weltkrieg aus. Die deutsche Kirche auf dem 850 Meter hohen Hügel wurde zum Hauptquartier des deutsch-türkischen Generalstabs. Deutschland und die Osmanen verloren den Krieg. Im Dezember 1917 zogen die siegreichen Alliierten in Jerusalem ein.

Es dauerte nicht lang, bis die Briten die Bequemlichkeit der Augusta erkannten, und das Gebäude hoch über Jerusalem zum Gouverneurssitz machten. Hier wurde der erste Hochkommissar eingeschworen, nachdem die Briten „alle preußischen Adler mit Tüchern bedeckt hatten“, schmunzelt Wohlrab. In den Räumen der Augusta wurde wenig später bei einer Nahostreise des britischen Kolonialministers Winston Churchill die Gründung des Königreichs Jordanien beschlossen. Nachdem er seine Zigarre ausgeraucht hatte, soll Churchill dem Prinzen Abdallah hier gesagt haben: „Du kriegst Transjordanien.“

Im Jahr 1927 wurde die Pracht der Augusta erstmals buchstäblich erschüttert. Ein Erdbeben fügte dem Bau schwere Schäden zu, vom fast 60 Meter hohen Kirchturm mussten aus statischen Gründen acht Meter abgetragen werden. Der britische Gouverneur zog um, der Niedergang des Gebäudekomplexes begann. Während des Zweiten Weltkrieges fungierten die Briten das Hospiz der Augusta zum Krankenhaus um, einen Zweck, den der Gebäudekomplex auch nach dem Unabhängigkeitskrieg Israel und der Teilung Jerusalems 1948 weiterhin erfüllte. „Der Festsaal verfiel in einen Dornröschenschlaf“, sagt Wohlrab. Die Augusta, im Niemandsland zwischen Israelis und Jordaniern gelegen, wurde zum größten Krankenhaus Vorderasiens. Der ehedem farbenfrohe Festsaal wurde mit einer hellbraunen Farbe übertüncht und zum Not-OP, später zur Lagerhalle. Im Sechs-Tage Krieg 1967 wurde das Gebäude schwer beschädigt.

Erst in den achtziger Jahren begann die EKD sich wieder für das Areal zu interessieren. „Man wollte den ganzen Komplex abreißen lassen“, sagt Wohlrab. Ausgerechnet der Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek rettete die deutsche Kirche: „Diese Kirche muss stehen bleiben, sie gehört zur Skyline Jerusalems“, widersprach der vor den Nazis geflüchtete Jude aus Wien. So begannen erste Restaurierungsarbeiten.

Freiherr von Humboldt bei der Arbeit im Kaisersaal

Freiherr von Humboldt bei der Arbeit im Kaisersaal

Wohlrabs Einsatz lässt nun den Kaisersaal in neuem Licht erstrahlen. Kenner wie der Restorator Freiherr Konstantin von Humboldt legten unter den trüben Krankenhausfarben, dem Schmutz und den verblassten Blutflecken Schicht nach Schicht grell leuchtender Farben und glitzerndem Blattgold frei. „Kunsthistorisch ist dieser Saal ein Unikum. In Deutschland wurde die Architektur dieser Zeit entweder zerstört oder verändert, aber hier hat sie sich erhalten“, sagt Wohlrab zufrieden.

Um die Renovierung zu finanzieren, knüpfte Wohlrab an alte Traditionen. Da er von der Kirche kein Geld erhielt, wendete er sich an private Spender. Schon bei ihrer Errichtung setzte sich die Stiftung der Augusta Viktoria über konfessionelle Grenzen hinweg. Nicht nur Siemens und das Adlon Hotel spendeten Geld für den Bau, auch die Firma eines Wilhelm Lok, der in Duisburg koschere Margarine herstellte, stiftete Geld für den Bau. Auch diesmal spendete Andreas Stolle, ein Jude aus Leipzig, Geld für die Wiederherstellung des Kaisersaals. Das Auswärtige Amt erkannte den hohen symbolischen Wert des Kaisersaals und trug die Hälfte der Umbaukosten. Unlängst wurde die letzte Orgel der Firma Sauer im Nahen Osten wieder betriebsfähig gemacht. Die Klänge aus den Orgelpfeifen werden bald den Schlag der Apolda Glocken im Turm begleiten, deren Töne mit der Erlöserkirche in der Jerusalemer Altstadt harmoniert.

Grelle Farben im Kaisersaal

Grelle Farben im Kaisersaal

Zwischen den schwarzen Adlern, roten Säulen und goldenen Verzierungen ist ein Raum entstanden, der den Bewohnern Jerusalems Hoffnung schenken soll. Schon jetzt können Muslime, Christen und Juden sich hier ungezwungen in einem Cafe treffen. Wohlrab träumt davon, die Aktivitäten des bilingualen Kindergartens, in dem deutsche und arabische Kinder zusammen spielen, den regelmäßigen Frauentreff und seine Kulturarbeit im neuen Saal zu intensivieren. Der alte Not-OP soll künftig auch die seelischen Wunden des Nahostkonflikts heilen helfen. „Wir wollen einen Ort der Begegnung schaffen. Als deutsche Kirche sind wir hier extraterritorial. Vielleicht können die Menschen an diesem geschichtsträchtigen Ort ihre eigene Geschichte hinter sich lassen, und gemeinsam in eine bessere Zukunft zu blicken“, sagt Wohlrab, und freut sich über die weihnachtliche Botschaft, die von seiner Kirche auf dem Ölberg ausgeht.




Erste Zerstörung der Grabeskirche

Die heutige Grabeskirche ist nur ein trauriger Abklatsch des prachtvollen Baus, den Konstantin vor 1700 Jahren errichten ließ.

Die ursprüngliche Kathedrale wurde im Jahr 614 von den Persern und Juden beschädigt. Juden waren bis dahin von Byzanz höchstens geduldet worden waren. Die Christen hatten den vom heidnischen Kaiser Hadrian eingeführten Brauch, Juden nur einmal im Jahr in die Stadt zu lassen, um die Zerstörung des Tempels zu beweinen, fortgeführt.

Nachdem die Muslime unter Saladin Jerusalem zurück eroberten, errichteten sie Minarette neben der Grabeskirche, um die Überlegenheit ihres Glaubens zu demonstrieren

Nachdem die Muslime unter Saladin Jerusalem zurück eroberten, errichteten sie Minarette neben der Grabeskirche, um die Überlegenheit ihres Glaubens zu demonstrieren. Hier ein Minarett, dessen Basis vorher ein Kirchturm der Johanniter gewesen war, neben dem Haupteingang.

Das Areal des Tempels ließen sie anscheinend zur Müllhalde verkommen. Sie sahen darin eine Bestätigung von Lukas’ Prophezeiung (21, 5-6):«Es wird die Zeit kommen, in welcher von dem allem, was ihr [vom Tempel] sehet, nicht ein Stein auf dem andern gelassen wird, der nicht zerbrochen werde».

Der Eroberungsfeldzug des persischen Herrschers Khosrau II. brachte Byzanz fast zu Fall. Doch letztlich gelang es Kaiser Heraklius, die Perser, die sich schon fast im Besitz Konstantinopels gewähnt hatten, vernichtend zu schlagen. Im Jahre 630 zog er siegreich in Jerusalem ein und brachte die Reliquie des Heiligen Kreuzes zurück in die Grabeskirche, deren Restaurierung anscheinend umgehend nach ihrer Zerstörung 614 begonnen hatte.

Die Eroberung durch die Muslime überstand sie unbeschädigt. Erst der fanatische fatimidische Herrscher Kalif al-Hakim bi amr Allah (996–1021) («Herrscher auf Geheiß Gottes») zerstörte den imposanten Bau im Jahre 1009 bis aufs Fundament, wie auch etwa rund 30 000 weitere Kirchen in seinem Herrschaftsgebiet. Der augenscheinlich psychisch labile al-Hakim, ein muslimisch erzogener Sohn einer Christin, sollte später erklären, göttlicher Herkunft zu sein, und begründete damit einen neuen Geheimglauben. Die Gruppe, die ihm folgte, spaltete sich vom Islam ab und wurde lange vom Islam als dem wahren Glauben abtrünnig verfolgt. Die Drusen harren bis heute der Rückkehr al-Hakims. al-Hakims barbarischer Akt war ein Affront für die christliche Welt und sollte Konsequenzen haben: Als rund 90 Jahre später zum ersten Kreuzzug aufgerufen wurde, war Vergeltung für das historische Übel einer der Gründe, die im Konzil von Clermont für die militärische Kampagne angeführt wurde.




Juden als Feinde Christi

Manche Historiker verbinden mit dem Bau der Grabeskirche einen zentralen Aspekt der konstantinschen Wende. Das Christentum verwandelte sich von einer Religion der Verfolgten zu einem Machtinstrument des Kaisers. Dies veränderte auch den Charakter des Glaubens und sein Verhältnis zum Judentum.

Das Martyrion auf dem Golgathahügel in der Grabeskirch

Das Martyrion auf dem Golgathahügel in der Grabeskirche

Bis zum Bau der Grabeskirche und ihrer Einweihung unter Konstantin im Jahr 335 stand das Grab Christi und die Auferstehung im Mittelpunkt des Glaubens. Konstantin verlegte das Zentrum von der Anastasis zum Martyrion. Nicht mehr das Wasser der Auferstehung, sondern das Kreuz der Passion wurde zum zentralen Symbol des Jesus-Kults. Das hatte zwar den erfreulichen Nebeneffekt, das Konstantin fortan die Kreuzigung als Strafe in seinem Reich verbot. Für die Juden hingegen begann mit der Errichtung der Grabeskirche eine 1700 jährige Verfolgungsgeschichte. Denn damit, dass der Tod Jesu die Auferstehung überschattete, verbreitete sich auch die Auffassung, Juden seien Gottesmörder.

Schon die Evangelien machten die Juden, nicht Pilatus, für Jesus Tod verantwortlich. Die Kritik der Apostel im ersten Jahrhundert kam aber von innen. Sie sahen sich selbst als Juden, und verurteilten ihre Glaubensbrüder dafür, dass sie Jesus nicht annahmen. Als Heiden zu Christen wurden, wurde aus dem Bruderzwist tödliche Polemik. Es entstanden Legenden, dass die Juden das wahre Kreuz nach der Hinrichtung Jesu versteckt hätten. Das Kreuz galt dem Bischof von Milano Ambrosius (339-397) als Sinnbild der Niedertracht der Juden. Gemeinsam mit dem Kreuz hatten sie ihr Verbrechen verbergen wollen. Nur Dank schwerer Folter habe Helena einem Juden «das letzte Geheimnis seines Volkes» entreißen können. Damit sei die Hoffnung der Juden vernichtet.




Juden im osmanischen Jerusalem – Teil II

Der deutsche Reisende Ulrich Jasper Seetzen schreibt auf seiner Palästinareise 1806:“Die Juden haben 5 Synagogen. [...] Ich habe von keiner gehört, die nicht den Stempel der Unbedeutendheit auf sich trüge, an einem Orte, wo sie zur Zeit der Blüte ihrer Nation einen der berühmtesten Tempel in der Welt hatten, dessen heiligen Standort sie noch täglich sehen, ohne es einmal wagen zu dürfen, durch die Thore zu schauen, die zu demselben führen. Diese unglückliche Nation, welche auch hier, so wie überall, zu dem verachtesten Volke gehört, gleicht dem Tantalus, welcher bey dem nahen Genusse des Ersehnten, nie zum wirklichen Genusse kommt, oder dem Wanderer in der Wüste, der bey dem vor ihm scheinbar wallenden Meere von Dunst vor Durst verschmachtet. […] Die Juden sind im osmanischen Reich sehr geplagte Leute, indem nicht bloss der Mohammedaner, sondern auch der Christ sich berechtigt glaubt, sie zu beschimpfen. … Armes Volk!“

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt die jüdische Gemeinde Jerusalems einen rasanten Aufschwung. Im Jahr 1880, noch vor den zionistischen Einwanderungswellen, sind sie mit 17.000 Bewohnern bereits die größte Bevölkerungsgruppe Jerusalems, doch 85% von ihnen leben von Almosen jüdischer Gemeinden der Diaspora. Vor Ausbruch des ersten Weltkriegs stellen Juden mehr als die Hälfte der 80.000 Einwohner Jerusalems.




Juden im osmanischen Jerusalem – Teil I

Bis zum 19. Jahrhundert ist die Basis dieser Zionsliebe religiös. Der Überlieferung nach werden nur die Juden, die im heiligen Land begraben sind, nach der Rückkehr des Messias auferstehen. Deswegen streuen viele Juden in der Diaspora bis heute Erde aus Israel ins Grab. Andere reisen nach Palästina, um vor allem auf dem Ölberg, direkt gegenüber vom Tempelberg, begraben zu werden. Doch sie waren eine Minderheit, denn die Rabbiner sehen gemäß dem fünften Buch Moses (Dtn 26,15-19) in der Diaspora eine himmlische Strafe für die Gottlosigkeit ihres Volkes. Nur der gottgesandte Messias darf diesen Zustand ändern. Diese Haltung wird später der schärfste Diskussionspunkt zwischen Zionisten und religiösen Juden werden. Selbst die säkulare Befreiungsbewegung der Juden nimmt ihren letztlich ihren Namen von Jerusalem und nennt sich Zionismus.
 

Im osmanischen Palästina sind Juden Bürger zweiter Klasse. Zweitweise dürfen sie keine neuen Synagogen errichten. Wenn sie eine Erlaubnis erhalten, müssen sie auf eigene Kosten ein Minarett daneben bauen, dass die Synagoge überragt, um die Überlegenheit des Islam zu demonstrieren. Mit dem allgemeinen Niedergang des osmanischen Reiches verarmt auch die jüdische Gemeinde Palästinas. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind etwa 10.000 der laut manchen Schätzungen rund 150 000 Bewohner Palästinas Juden. Sie müssen entrichten dem Pascha eine „Miete“, oder ein Bakschisch, von 300 englischen Pfund im Jahr, um an der Klagemauer beten zu dürfen.