Der Glanz von Byzanz

Mal wieder zurück zur Geschichte:

Nur noch einmal wurde die beginnende Symbiose zwischen dem römischen Reich, nach dem Fall Westroms Byzanz genannt, und dem Christentum existentiell bedroht. Nach Konstantins Tod 337 n. Chr. brach erneut ein Krieg über die Erbfolge aus. Es dauerte ein wenig mehr als 20 Jahre, bis Julianus Apostata, der letzte heidnische Kaiser, noch einmal für zwei Jahre die Staatsgeschäfte in Konstantinopel übernahm. Er hatte in seiner Jugend mit ansehen müssen, wie seine männlichen Verwandten, potentielle Rivalen der Thronerben, von den christlichen Herrschern ermordet wurden. Vielleicht war dies einer seiner Beweggründe, nach seiner Amtsübernahme zu versuchen, das Rad der konstantinischen Wende zurückzudrehen und das Christentum in seinem Reich einzudämmen. So war einer seiner ersten Schritte, es den Juden zu gestatten, ihren Tempel in Jerusalem wieder zu errichten.

Doch nur zwei Jahre später wurde Julianus bei seinem Feldzug gegen Persien getötet. Der Versuch, den Tempel wieder zu errichten, schlug fehl. So wurde die Klagemauer zum wichtigsten Heiligtum der Juden.

Nach Julianus Tod zementierten seine Nachfolger den Status des Christentums als Reichsreligion. Jerusalem erlebte einen bisher unbekannten Aufschwung. War es bis zu Konstantins Herrschaft eine kleine römische Provinzstadt gewesen, wurde sie im fünften Jahrhundert zu einem der wichtigsten Zentren der Christenheit. Zahlreiche Kirchen ließen die Stadt, die während der Herrschaft Justinians (527-565) wohl knapp 100.000 Einwohner hatte und wieder die Ausdehnung während ihrer jüdischen Blütezeit erreicht hatte, in neuem Glanz erblühen. An dem Ort, an dem sich heute die deutsch-katholische Dormitio befindet, stand früher die fünfschiffige Hagia-Sion. Sie markierte den Ort, an dem Maria gestorben sein soll.

Auch der Ölberg wurde als Ort, an dem Jesus lehrte, prophezeite und in den Himmel aufstieg mit Kirchen bebaut. Im vierten Jahrhundert entstand so auch die Legende von Jesu Fußabdruck, der in der Himmelfahrtskappelle des Imbomon verehrt wird. Von hier aus soll Jesus in den Himmel aufgestiegen sein. Paulinus, der Bischof von Nola (in der Provinz Neapel) beschreibt um 403 die entstehende Legende in einem Brief an seinen jüngeren Freund Sulpicius Severus: «In der Kirche der Himmelfahrt erscheint jener Ort, von dem aus ER, von einer Wolke getragen, in den Himmel aufstieg [...] so durch seine heiligen Fußspuren geheiligt, dass derselbe niemals mit Marmor bedeckt oder gepflastert werden konnte; vielmehr wurde alles, was man zur Ausschmückung anzubringen suchte, von dem sich sträubenden Boden hinweggeschleudert. Darum verbleibt in dem gesamten Raum der ganzen Basilika der Boden in seiner ursprünglichen Gestalt, als Rasen fortgrünend; auch bewahrt die Bodenfläche sichtbar und handgreiflich den hochverehrten Eindruck der heiligen Füße in dem von Gott berührten Erdenstaub, sodass wahrhaft gesagt werden kann: Wir beten dort an, wo seine Füße standen» (Epistula 31,4).

Wenige Jahrzehnte später friedete Kaiserin Eudokia (400?-460) die Stadt wieder ein. Inmitten des heutigen jüdischen Viertels stand die gewaltige Hagia Maria Nea Kirche. Kilometerweit war Jerusalem wieder mit Klöstern und liebevoll terrassierten Hügeln umgeben, die jährlich tausende von Pilgern ernährten. Erst mit der muslimischen Eroberung 638 n. Chr. endete die christliche Präsenz in Jerusalem für eine lange Zeit.




Das Kreuz wird Symbol

Nach dem langen Vorspann werdet ihr nun verstehen, warum ich so lange über Konstatin und “seine” Wende daherschwafelte. Denn aufgrund dieser Wende entsteht in Jerusalem die wichtigste Kirche der Christen - die Grabeskirche. Sie fasst die «konstantinische Wende» in Stein.

Konstantins Mutter, die heilige Flavia Julia Helena Augusta, pilgerte im Jahr 326 im hohen Alter von 76 Jahren nach Jerusalem. Dort bestimmte sie mit Hilfe des Jerusalemer Bischofs Makarios und göttlicher Eingebung die genauen Orte des Leidensweges Christi, die Via Dolorosa (historisch akkurat war sie wohl kaum). Die Tochter eines makedonischen Gastwirts avancierte so zur «erfolgreichsten Archäologin» aller Zeiten. Anstelle des hadrianischen Tripelheiligtums ließ sie im Auftrag Konstantins einen Kirchenkomplex errichten.

In einem Brief an Makarios, den Bischof von Jerusalem, schrieb Konstantin im Jahr 325, er trage «keine größere Sorge als diesen heiligen Ort, den ich - unter göttlicher Fügung - befreit habe von der schweren Last faulen Götzendienstes, am besten zu schmücken durch ein prachtvolles Gebäude; einen Ort, der in Gottes Augen von Anbeginn heilig war, der jetzt aber noch heiliger erscheint, seit er ans Licht gebracht wurde als deutliches Zeugnis des Leidens unseres Herrn».

Es gibt auch Versuche, Konstantins Hinwendung zum Todeskult des Kreuzes psychologisch zu erklären. Im selben Jahr, in dem Helena nach Jerusalem kam, ließ der Kaiser zuerst seinen Erstgeborenen Crispus und später seine Frau Fausta ermorden. Darüber existieren zwei Theorien. Entweder war Crispus als Sohn einer Konkubine Fausta ein Dorn im Auge. Sie konspirierte gegen ihn und brachte Konstantin dazu, seinen Sohn zu töten. Als der Schwindel aufflog, ermordete er auch seine Frau. Eine andere Theorie besagt, dass Fausta und Crispus eine Affäre hatten. Welche Theorie auch stimmt, im selben Jahr ließ Konstantin das Martyrion errichten. Es ehrt den Ort, an dem Gott seinen Sohn hinrichten ließ. Vielleicht sah er hier eine tragische Parallele zu seinem eigenen Leben, sah er sich doch als Gottes Stellvertreter auf Erden.

Das Wunder der Auferstehung wurde zur Nebensache. Die Rotunde der Anastasis (Auferstehungskirche) über dem vermeintlichen Grab Christi, deren Grundriss sich bis heute erhalten hat, stand im Schatten der gewaltigen «Martyrion»-Basilika neben der Golgatha-Kirche, die der Kreuzigung Christi gewidmet war. Zeitgenössische Quellen beschreiben diese Kirche als den bedeutendsten Sakralbau der damaligen Zeit, der nur von der im Jahr 360 erbauten Hagia Sofia in Konstantinopel übertroffen wurde.

Pilger drängen sich mit gemieteten Kreuzen zu Ostern am Grabe der Grabeskirche

Pilger drängen sich mit gemieteten Kreuzen zu Ostern am Grabe der Grabeskirche

Während nun also Golgatha zum Nabel des christlichen Universums wurde, verkam der Tempelberg, Standort des jüdischen Heiligtums, zu einer Müllhalde. Darin sahen die Christen eine Bestätigung der Weissagungen Jesu: «Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten! Da sprachen die Juden: In sechsundvierzig Jahren ist dieser Tempel erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes» (Johannes 2, 19-21). Der Glaube an Jesu sollte fortan den Tempel ersetzen. Nur solange der heilige Tempel der Juden in Trümmern lag, sahen die Christen die Prophezeiungen Jesu als erfüllt an. Judentum und Christentum schlossen einander fortan aus.




Das Nicäische Konzil

Der Stein in der Grabeskirche, auf der Jesu Leibnam gesalbt und gewaschen worden sein soll

Der Stein in der Grabeskirche, auf der Jesu Leibnam gesalbt und gewaschen worden sein soll

Nach dem Ausflug in andere Zeitzonen, nun wieder eine Zeitreise zurück zu den Anfängen des Christentums

Um die Kirche als Machtinstrument zu nutzen musste Konstantin sie erst einmal vereinheitlichen. Christen waren in theologischen Fragen zutiefst zerstritten. Manichäer, Donatisten und Arianer, um nur wenige Gruppen zu nennen, rangen miteinander über das Wesen Jesu und das des heiligen Geistes, immer mehr Gruppen spalteten sich ab. Diesen Streit wollte Konstantin beenden. Noch während er im Edikt von Mailand für Toleranz plädiert hatte, war er bereits 313 darum bemüht, andere Strömungen innerhalb der Kirche abzuschaffen. In einem Brief an seinen Präfekten in Afrika gab er den Befehl, gegen Donatisten vorzugehen, da Gottes Gnade nur auf ihm ruhen werde, wenn «ich sehe, dass alle den heiligsten Gott im wahren Kult der katholischen Religion anbeten».

Nachdem er alle politischen Kontrahenten eliminiert hatte, machte Konstantin sich deswegen daran, «seine» Kirche zu ordnen. Anfangs ließ er heidnische Tempel niederreißen und raubte ihre Schätze. Im Jahr 325 rief er das erste Konzil von Nicäa ein (heute Iznik in der Türkei) ein, zu dem mehr als 250 Bischöfe, darunter Konstantins Biograph Eusebius, erschienen. Sie sollten eine einheitliche Theologie festlegen, wie sie das Bekenntnis von Nicäa dokumentiert. Von nun an wurden diejenigen, die nicht an das katholische Dogma glaubten, mit dem Bann belegt. Auch gegen das Judentum wollte Konstantin sich abgrenzen. Das Konzil legte fest, dass Ostern nicht mehr in derselben Woche wie Passah gefeiert werden durfte.

Konstantin hinterließ seinen Nachfolgern ein vereintes und gestärktes Reich. Neben seinen wichtigen militärischen Siegen führte er viele Reformen ein. So erklärte er den Sonntag zum Ruhetag, im beabsichtigten Gegensatz zum Samstag der Juden. Er verbot die grausamen Gladiatorenkämpfe und bestrafte jeden mit dem Tode, der zuviel Steuern eintrieb. In seinem persönlichen Leben verhielt er sich allerdings unchristlich: Er ließ seine Frau, seinen Sohn und dessen Frau und Kinder ermorden. Von der griechisch-orthodoxen Kirche wird der Kaiser trotz dieser Gräueltaten bis heute als Heiliger verehrt. Der Vatikan führt ihn zwar in seinem Kalender auf, hat ihn aber nicht heilig gesprochen. Ob dies auf seinen unchristlichen Lebensweg zurückzuführen ist, oder darauf, dass Konstantin das Zentrum seines Reiches von Rom nach Byzanz verlegte, ist nicht gesichert.




Das Toleranzedikt von Mailand

Ein Jahr nach der Schlacht an der Milvischen Brücke sicherte Konstantin dem Christentum bereits eine Vormachtstellung. Im Toleranzedikt von Mailand, das er gemeinsam mit seinem Schwager Licinius, dem Kaiser Ostroms, im Jahr 313 verfasste, hieß es, man wolle «vor allem die Verehrung [reverentia] der Gottheit regeln. Wir wollen deshalb sowohl den Christen als auch überhaupt allen Menschen freie Vollmacht gewähren, der Religion [religio] anzuhängen, die ein jeder für sich wählt, damit die Gottheit auf ihrem himmlischen Throne - was immer ihr Wesen sein mag - uns und allen unseren Untertanen friedlich und gnädig gesinnt sein kann. [...] Keinem Menschen soll die Möglichkeit verweigert werden, sein Herz entweder dem Kult [observatio] der Christen zu weihen oder aber der Religion [religio], die er selbst für die angemessenste hält. So kann uns die höchste Gottheit, nach deren Verehrung [religio] wir mit freiem Herzen streben, in allen Dingen wie bisher gnädig und gewogen bleiben. [...] Bezüglich der Christen erlassen wir folgende Bestimmung: Wer die Stätten, an denen sie zu früheren Zeiten zusammenzukommen pflegten…, in der Zwischenzeit [...] erworben hat, der muss sie den Christen unentgeltlich und ohne Rückforderung des Kaufpreises unverzüglich und ohne jede Einschränkung zurückgeben. [...] Diejenigen, die die Stätten gekauft oder als Geschenk erhalten haben, [...] mögen sich an den zuständigen Statthalter wenden, damit auch sie die Fürsorge unserer Milde erfahren.» Kaiser Konstantin - Schutzherr der Christen

Nur augenscheinlich handelte es sich um ein allgemeines Toleranzedikt: Faktisch ebnete Konstantin damit nur dem Primat des Christentums den Weg, der einzigen Religion, die im Edikt namentlich genannt wurde. Den Juden wurde fortan verboten, ihre Religion zu verbreiten.

Konstantins Ambitionen reichten indes weiter. Er wollte nicht nur das Westreich beherrschen, und dazu musste er seinen Schwager Licinius aus dem Weg räumen. Für den Krieg gegen ihn lieferte 315 die Verletzung der Statuten des Edikts einen wunderbaren Vorwand. Im Jahr 324 besiegte Konstantin Licinius in der Schlacht von Chrysopolis. Jetzt war er alleiniger Herrscher des Römischen Reiches. Und erstmals wurde er zu einem öffentlich sich bekennenden Verfechter des Christentums. Wie stark Konstantins Glaube an Christus war ist heute Gegenstand von Historikerdiskussionen. Sein Verhalten könnte auch politische Beweggründe gehabt haben. Christen machten zu Beginn seines Machtkampfes bereits etwa 10% der Bevölkerung des römischen Reiches aus, die etwa 50-60 Millionen zählte. Christen waren eine gut organisierte Minderheit und über das ganze Reich verteilt, eine gute Machtbasis für einen Herrscher mit großen Ambitionen. Sicher scheint, dass Konstantin in einem einheitlichen Glauben ein effektives Instrument zur Sicherung seiner Macht sah. Genau so, wie Josia einst den einheitlichen Tempelkult in Jerusalem als identitätsstiftendes Element erkannte, so wollte Konstantin vielleicht den neuen Glauben dazu nutzen, um sich selbst an die Spitze einer umfassenden neuen Hierarchie zu stellen, schließlich wähnte er sich selbst als Gottes Stellvertreter.

Kaiser Konstantin - Schutzherr der Christen



Die konstantinische Wende

Im Jahr 306 fiel der Cäsarentitel in die Hände eines gewissen 18-jährigen Konstantin. Sein Vater Constantius war während eines Feldzuges in Britannien gestorben. Der junge Herrscher musste sich sogleich gegenüber seinen Rivalen, drei anderen Tetrarchen, beweisen. Wendepunkt in diesem Machtkampf bildete die Schlacht an der Milvischen Brücke in Rom im Jahr 312. Konstantin marschierte gegen Maxentius, der sich in Rom verschanzt hatte. Angeblich, so schrieb wenige Jahre später Eusebius, Kirchenhistoriker und Verfasser einer panegyrischen Biographie Konstantins, hatte Konstantin in der Nacht vor der Schlacht eine schicksalsträchtige Vision: «Der Kaiser sagte dass er ungefähr zur Mittagszeit […] mit eigenen Augen ein Kreuz aus Licht über der Sonne sah, und an dem Kreuz hing eine Inschrift, die da sagte «in hoc signo vinces» [in diesem Zeichen wirst Du siegen]. Bei diesem Anblick [...] waren er und alle seine Truppen [...] von Erstaunen erfasst. [...] dann, in seinem Schlaf, erschien ihm der Christus Gottes mit demselben Zeichen, dass er im Himmel gesehen hatte, und befahl ihm, ein Abbild dieses Zeichens […] als Schutz in allen Gefechten mit seinen Feinden zu benutzen.»

Diese Version stammt vom Nicäischen Konzil, das Konstantin gut zehn Jahre später einberief. Inzwischen hatte sich auch eine andere Legende breit gemacht. Demnach hatte Konstantin das Labarum im Himmel gesehen. Es besteht aus den griechischen Buchstaben Chi und Ro, die den Anfang des Wortes «Christus» bilden. Es ist bis heute auf einigen Gebäuden in Jerusalem, wie im Russian Compound, zu sehen.

Ein Labarum auf einem Gebüude des Russian Compound

Ein Labarum auf einem Gebäude des Russian Compound

Der ambitionierte Kaiser befahl seinen Soldaten, die der Legende nach einer gewaltigen Übermacht gegenüber standen, das Kreuz auf ihre Schilde zu malen. Am Tag darauf war Konstantin in der Schlacht erfolgreich. Seinen Gegner und Schwager Maxentius soll er dabei eigenhändig in den Tiber gestoßen haben. Konstantin wurde zum alleinigen Herrscher des Westreiches, und zu einem wichtigen Verbündeten der bisher verfolgten Christen. Zum Christ wurde Konstantin, entgegen der traditionellen Darstellung, damit noch lange nicht. Vielmehr hielt er weiterhin an der heidnischen Tradition des römischen Reiches fest. Die Inschrift auf seinem Triumphbogen, errichtet drei Jahre nach der Schlacht an der Brücke, sprach von einem «Sieg durch Inspiration der Gottheit»; von Christus keine Spur. Konstantin selber konvertierte erst, wie zu seiner Zeit üblich, auf seinem Sterbebett zum Christentum. Zeit seines Lebens behielt er den Titel Pontifex Maximus, Herr der römischen Staatsreligion. Bis zum Jahr 321 wurde auf seinen Münzen «Sol Invictus», der «unbesiegbare Sonnengott», verehrt. Dies war nicht der Christengott, auch wenn manche Forscher im Sol-Kult eine Vorstufe des Monotheismus sehen.

So war Konstantin, anders als oft angenommen, nicht der erste christliche Kaiser, er machte das Christentum auch nicht zur Staatsreligion. Dies blieb Theodosius I. überlassen, der dem Christentum im Jahre 380 den Vorzug vor allen anderen Religionen gab. Trotzdem leitete Konstantin eine Wende ein, die die Dominanz des Christentums begründete.