9. August 2009
Die zentrale Rolle Jerusalems für die christliche Welt ist eng mit dem Leben, Wirken, Tod und der Auferstehung von Jesus von Nazareth verknüpft. Hier, im prachtvollen herodianischen Tempel, wurde Jesus zum Agitator, der die Elite der Priester herausforderte: »Und das Passah der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel die Verkäufer von Ochsen und Schafen und Tauben und die Wechsler, die dasaßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus, samt den Schafen und Ochsen, und den Wechslern verschüttete er das Geld und stieß die Tische um und sprach zu denen, welche die Tauben feilboten: Traget das von dannen! Machet nicht meines Vaters Haus zu einem Kaufhaus!» (Johannes 2, 13-16). Doch Jesus fand für seine Thesen im Tempel Anhänger: »Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Vornehmsten im Volk trachteten ihm nach, wie sie ihn umbrächten; und fanden nicht, wie sie ihm tun sollten, denn das Volk hing ihm an und hörte ihn.» (Lukas 19, 47-ff).
Anders als für die Existenz anderer zentraler Akteure der Bibel, wie König Salomon, existieren für das Leben Jesu Belege in Form unabhängiger zeitgenössischer Quellen. Wenn auch keine archäologischen Befunde. Außer den Evangelien, die teilweise mehr als hundert Jahre nach seinem Tod verfasst wurden, erwähnt auch Josephus Flavius einen «Jesus, der Christus genannt» wird. In den Schriften von Plinius dem Jüngeren, Tacitus oder Josephus Flavius gibt es Andeutungen auf Jesus. Manche argumentieren zwar, Jesus sei erfunden worden. Für diese provokante These spricht, dass viele Aspekte seiner Lebensgeschichte widersprüchlich sind oder in sein Leben hineingedeutet wurden, um die Erfüllung heidnischer oder jüdischer Prophezeiungen zu demonstrieren.Doch davon mehr nächstes Mal.
Doch trotzdem sind die meisten Forscher davon überzeugt, dass ein historischer Jesus existierte. Sie verweisen darauf, dass der «Mythos» von Jesus wohl kaum in nur 50 Jahren mit der mutmaßlichen Verfassung des ersten Evangeliums hätte entstehen können.
7. Juli 2009
Herodes gigantische Bauwerke machen Jerusalem laut Plinius dem Älteren zur „berühmtesten Stadt des Ostens“. An die 18.000 Bauarbeiter renovieren den zweiten Tempel, endlich wird sein Erscheinungsbild im Jahr 8 v. Chr. seiner spirituellen Bedeutung gerecht. Der Tempelbezirk ist um mehr als das Doppelte erweitert worden. Auf der Südseite steht nun eine 185 Meter lange, dreischiffige Basilika, die größte im römischen Reich, deren mittlere Halle etwa 30 Meter hoch und 15 Meter Breit ist. Doch der Tempel stellt selbst dieses Bauwerk in den Schatten, ragt er doch 45 Meter in die Höhe.
Im vielfarbig gepflasterten Innenhof umgibt eine Balustrade das Areal, zu dem nur Juden Zugang haben. Schilder, zwei von ihnen wurden inzwischen wieder gefunden, warnen in mehreren Sprachen:„Dass kein Fremder eintrete innerhalb der Schranken und Einfriedung des Heiligtums! Wer ergriffen wird, ist für den Tod, der darauf folgen wird, selbst verantwortlich“. Herodes Hoffnung, dass der gewaltige Tempelbau ihm Sympathie bringen könnte, scheint jedoch nicht groß zu sein. Bedrohlich überragt die Festung Antonia, nach seinem ersten römischen Gönner Antonius benannt, die Tempelgebäude. Das Gewand des Hohepriesters lässt er in der Antonia aufbewahren. So sollten keine Zweifel darüber entstehen, wer der politische und geistige Herrscher Jerusalems und der Juden ist.
Jerusalem, in der zu diesem Zeitpunkt etwa 70.000 Menschen wohnen, ist mit einem St. Moritz des Altertums vergleichbar: eine kosmopolitische Kleinstadt, in der alle Welt sich trifft. Drei Mal im Jahr pilgern Juden zu den Wallfahrtsfesten aus dem ganzen römischen Reich und darüber hinaus in die Stadt, Händler aus aller Welt im Tross. Der Tempel wird das gesellschaftliche und wirtschaftliche Herz Jerusalems, der Angelpunkt der Juden weltweit. Selbst die mächtige jüdische Gemeinde in Alexandria, die einen eigenen Tempel errichtet, bezeichnet Jerusalem als „den Nabel der Welt“. Schon in dieser Zeit richten Juden ihre Gebete gen Jerusalem. Dieser Brauch hat sich in der deutschen Sprache im Wort „Orientierung“ niedergeschlagen, suchten Juden doch den Orient, um sich ihrem Heiligtum zuzuwenden.
19. Juni 2009
Die Jerusalemer Elite, rund 5000 Menschen, werden ins babylonische Exil verschleppt und unter der Aufsicht des Exilarchen aus dem davidischen Königshaus, der den Status eines Prinzen innehat, auf verschiedene Städte verteilt. Eine davon heißt Tell Abib, deren Namen 2500 Jahre später Nachum Sokolov bei der Namensfindung für Tel Aviv inspirieren wird.
In Babylon wird Jerusalem zum Mittelpunkt einer aufblühenden Exilliteratur. Die Stadt und die Einhaltung des Sabbats sind die wichtigsten Komponenten einer jüdischen Identität. Nach der Katastrophe wird sie eine von Reue gekennzeichnete Wurzelsuche. Jerusalem ist nicht mehr nur politisches Zentrum, sondern wird zum heiligen Ort, Sitz der Schechina, dem Geist Gottes. Rabbiner erklären, dass Frauen dort keine Fehlgeburt haben, niemand von Schlangen oder Skorpionen gebissen wird, im Tempel die Flammen nie vom Regen gelöscht und der Rauch der Opferfeuer vom Wind nie über die Menge der Betenden geweht wird. Diese Idee des himmlischen Jerusalem wird später von Christentum und Islam übernommen. In der Ruine des Tempels ist in dieser Zeit eine Kultstätte für die Bewohner der Umgebung weiter in Betrieb, das geistige Zentrum des Judentums verlagert sich jedoch ins persische Reich. Hier formuliert man die Idee der Rückkehr, die die Juden auch in spätere Exile begleiten wird. Wenn Gott wieder mit Gnade auf Israel blickt, wird der Messias, der Gesalbte, sein Volk heimführen, heißt es. Erwartungsvoll hortet man in der Stadt Nehardea die Tempelsteuer, ein halber Schekel pro Kopf, für den Wiederaufbau des Heiligtums.